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Nach Finisterre - zum Ende der Welt
[2.9.2012] Von Santiago nach Negreira
In Santiago fühlt man sich nach ein paar Tagen wie ein Tourist, nicht mehr als Pilger - seltsam, das Gefühl mit dem Rucksack auf dem Rücken habe ich schon begonnen zu vermissen!
Ebenso die Schmerzen in den Füßen, mit den sich langsam auflösenden Socken und ebenso reichlich verschlissenen 14-Euro-Schuhen vom Discounter.
Die Jakobsweg-Schuhe haben bestimmt jetzt eine enorme Wertsteigerung - vielleicht am Ende für einen hohen Preis im Internet versteigern? Ich könnte mir diese auch als Reliquie in einer Kirche vorstellen.

Der Italiener kann kein deutsch, und wenig englisch. Ich kein italienisch und nur minimal spanisch. Eine gute Gelegenheit auf dem Weg an das Meer etwas spanisch und englisch zu üben.
In Negreira findet für zwei Tage ein traditionelles galizisches Fest statt, mit Strohballen zum Sitzen, mittelalterlichen Zelten, Bogenschützen und Rittern. Sowie Musiker mit typisch keltischen Instrumenten.
Und was ich bisher noch nie gesehen habe, ein Stand mit einigen gezähmten Eulen, einem Uhu, einem Habicht und einem Raben.
Zum Abendessen finden wir ein besonderes Menü-Angebot: eine 'plato gigante' mit 1 kg gebratenen Kartoffeln, 1 kg Schweinefleisch, riesigem Salatteller, 1 l Wein für zwei Personen. Zusammen für 20 Euro. Der Italiener und ich, wir sind danach so satt wie schon lange nicht mehr.
Danach an einem Stand auf der Fiesta noch einige Biere, 3 Liköre.. dann zurück zur Herberge, die um 23:30 schließt.
[3.9.2012] Von Negreira nach Olveiroa
Dem Italiener geht es heute morgen nicht gut - Details erspare ich euch..
die arme Putzfrau :/

Nach ein paar Kilometern ist er nicht mehr in der Verfassung den Weg fortzusetzen und entschließt sich in Vilaserio zu bleiben, um sich dort zu erholen, einen oder evtl. zwei Tage. Vermutet, daß er sich mit einem Bakterium infiziert hat.
Richtig schade - wäre wirklich die passende Begleitung gewesen um die letzten Tage nochmal richtig Fiesta zu feiern. Das regelmäßige 'Mmmmh - bellas ragazzas..' unterwegs werde ich vermissen.
Kurz vor Olveiroa eine kurze Erfrischungspause in einer Bar mit eisgekühlter Cola - mit der Wirkung, daß ich davon einen geschwollenen Hals bekomme. Dann weiter in die Herberge, dort wird mir dann nach einiger Zeit richtig übel. Der Italiener hatte wohl recht - so kann sich nur mit einer Mageninfektion fühlen.
Hoffentlich spricht mich hier keiner an, bin zu keiner Konversation mehr in der Lage, nur noch dazu in der Ecke zu sitzen und zu versuchen die Übelkeit zu ignorieren.
Der Versuch misslingt. Später Abends und mit leerem Magen geht es wieder einigermaßen.
Die städtische Herberge in Olveiroa ist interessant - man schläft in einem Pferdestall, statt einem Heuvorrat sind hier Etagenbetten aufgestellt.
Eine Dänin reserviert hier ein zweites Bett für ihren Mann, meint, eigentlich hätte er schon viel früher ankommen sollen - hätte aber die ganze Nacht bei der Fiesta gefeiert. Und wäre dann morgens nur noch halb orientierungsfähig gestartet.
Kurz vor Sonnenuntergang taucht ein über 2 m großer Riese im Schlafraum auf und begrüßt als erstes die anwesenden mit einem lauten F**z - ein echter Kavalier!
Die Dänin, die gerade dazu angesetzt hat, ihren Ehemann vorzustellen, zieht stattdessen nur eine Grimasse.

Nachts finde ich nicht eine Minute Schlaf, nicht nur wegen den Bauchbeschwerden, sondern auch, weil der Riese den Platz im ächzenden Stockbett über mir belegt und sich jede seiner Bewegungen wie ein Erdbeben auswirkt.
[4.9.2012] Von Olveiroa nach Finisterre
Morgens fühle ich mich halbwegs dazu imstande, die letzte Etappe zu schaffen. Hoffentlich habe ich irgendwann nachmittags wieder Appetit. Wäre sonst der zweite Tag ohne irgendeine Mahlzeit. Nicht gut.
Mittags, beim Wandern durch Heidelandschaften, sieht man endlich den Ozean zwischen den Felsen auftauchen. Ein Moment, an dem einem fast die Tränen kommen. Bald führt der Weg abwärts, ans Meer. In der Entfernung kann man einige Sandstrände erkennen.. so weit und so lange bin ich vorher noch nie zu einem Strand gelaufen - mehr als 4 Wochen.
Im galizischen schreibt der Ort sich anders, hört sich dann irgendwie nach komischen Fetisch-Praktiken an.. bleibe deswegen bei dem Namen 'Finisterre'.
Ist eigentlich eine Stadt, dort schleppe ich mich die letzten Meter in die erste Herberge am Weg, mit den Nachwirkungen der Magenverstimmung und der vorigen Nacht sehne ich mich nur nach einem: ein paar Stunden Schlaf.
Noch 3,5 km bis zum Ende der Welt, zum Leuchtturm.. heute schaffe ich es bis dorthin definitiv nicht mehr.
Die Wäsche vom Vortag war noch nicht ganz trocken, also durch den Waschraum den Schildern gefolgt zum Herbergsgarten.
Die Treppe hinauf, diese endet an einem Gelände für freilaufende Hühner. Darüber ist eine Wäscheleine gespannt.
Oje.. dort hänge ich die Wäsche mit Sicherheit _nicht_ ohne Wäscheklammern auf! - wenn etwas davon herunterfällt, wird dieses vielleicht dann gleich zum Nestbau zweckentfremdet.
[5.9.2012] Finale, Fiesta, Finisterre
Der Weg zum Leuchtturm an den Klippen, zum Ende der Welt und dem 0 km-Punkt des Caminos ist nur noch ein Katzensprung entfernt. Dahin begleitet mich eine Pilgerin aus Bremen, die in der gleichen Herberge wohnt und gern Bilder aufnimmt.
Fast an jeder Skulptur dann Photoshootings. Gute Gelegenheit für ein paar von mir - soviele eigene Fotos hatte ich noch nie. :)

Nachmittags in der Herberge tauchen überraschend einige verschollen geglaubte Bekanntschaften auf.
Der Italiener, mit dem ich nach Finisterre aufgebrochen bin und eine Australierin die wir in Negreira kennengelernt haben. Dann eine Pilgerin aus der Nähe von Mannheim, die auch in El Ganso in der Herberge war.
Zum Schluss die Studentin aus Magdeburg, die ich das letzte Mal in Logroño im Park getroffen habe (4 Wochen vorher) mit dem Hund und einem neuen Fahrrad - von Logroño konnte sie die Tour wegen Gelenkproblemen nicht mehr zu Fuß fortsetzen, nicht mit mit dem 18 Kilo schweren Rucksack.
Für das Finale, die große Fiesta an den Klippen bei Sonnenuntergang findet sich eine große Gruppe von Pilgern zusammen - jeder kennt irgendjemand anderen vom Camino. Mit Chips, Donuts, Bier, Sekt und Unmengen an Wein wird das Ende des Caminos angemessen gewürdigt. Irgendwann ist es ziemlich dunkel, einer aus der Gruppe schlägt vor, besser nicht direkt an den Klippen weiterzufeiern. Außerdem wurde der Wind mittlerweile zu einer steifen Brise - wir sind dann weitergezogen in eine windgeschützte Hütte, um die verbleibenden Reserven an Wein zu konsumieren.
Eine fehlt und wird eifrig gesucht - die Studentin aus Magdeburg. Bei der Dunkelheit, dem Wind, dem Feiern an den Klippen - wird hoffentlich nichts passiert sein..
Nach einiger Zeit taucht sie aber überraschend wieder auf um weiter mitzufeiern, der alte Jakob hält wohl seine schützende Hand über jeden Pilger.
Ziemlich angesäuselt machen sich irgendwann alle auf den Rückweg - mit einem Umweg über eine Bar, um sich noch einen letzten Schlaftrunk zu besorgen.

Am nächsten Morgen höre ich eine aus der Herberge mit der Rezeptionistin diskutieren - sie erzählt, um 1 Uhr wäre sie wach geworden, als plötzlich eine große Gruppe lärmend und stolpernd hereinkam, und dann, 5 Minuten später, hätte jemand extrem laut zu schnarchen begonnen. Die Situation fand sie so witzig, daß sie darüber so lachen musste, daß sie den Rest der Nacht keinen Schlaf mehr fand.
[6.9.2012] Rückflug von Santiago
Letzter Tag, mit dem Bus nach Santiago, dort noch ein paar Souvenirs besorgen, dann zum Flughafen.

Den gleichen Flug zurück hat auch eine fast-Nachbarin (d.h. 1-2 Pilger-Tagesetappen) gebucht, die ich einige Tage nicht gesehen habe und dann gestern in Finisterre wiedergetroffen habe. Nette Gesellschaft, so muss man sich noch nicht so ganz vom Pilgerleben verabschieden.
Beim Rückflug wir fast ausnahmslos deutsch gesprochen - das wirkt seltsam, als wäre man soeben ins Ausland gekommen, wo statt der vielen verschiedenen Sprachen nur noch eine gesprochen wird.
Neben mir sitzt ein etwas älteres Ehepaar die sich scheinbar nicht viel zu sagen haben. Einer von wenigen Dialogen während dem Flug irgendwo über der Mitte Spaniens:
 Frau: wo sind wir denn gerade?
 Antwort des Ehemanns: im Flugzeug.

Ich bin wieder zuhause..