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Von Arles und durch die Region Okzitanien
[11.7.2019] Von Arles nach Saint-Gilles-du-Gard
Die Via Tolosana beginnt erst in Arles, mit dem Fernbus komme ich frühmorgens in einem Vorort von Avignon an. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof nutze ich die Gelegenheit, Avignon zu besichtigen. Es gibt hier einige prächtige Paläste, unter anderem den Sitz des französischen Papstes, der einst als Gegenpapst zu dem christlichen Oberhaupt von Rom eingesetzt wurde.
Da die Fahrzeiten der Bahn etwas ungünstig sind, geht es mit dem Linienbus weiter nach Arles mit seiner malerischen Altstadt, in der noch Bauten aus der Römerzeit erhalten sind, unter anderem ein Amphitheater. In der Klosterkirche von St. Trophime bekomme ich auch meinen Pilgerpass. Als ich mittags auf den Chemin de St. Jaques starten will, fällt mir ein, dass ich beim Packen den benötigten Herbergsschlafsack vergessen habe.
Der Umweg zu einem Outdoor-Geschäft im Industriegebiet verlängert meinen Weg um ein paar Kilometer, ein Stück kann ich den Umweg aber über stillgelegte Gleise abkürzen.
Im Tal der Rhone fällt auf, dass im großen Stil Reis angebaut wird. Die Zukunft Europas als Nahrungsmittellieferant für China hat offensichtlich begonnen.
Das Ziel der Etappe, Saint-Gilles-du-Gard, erreiche ich erst kurz nach 19 Uhr. Bevor man in die Herberge kommt, muss man um den Häuserblock gehen. Als ich in den Hof eintrete, nimmt die Herbergsverwalterin mit ihrer Familie gerade das Abendessen ein, das sie sogleich unterbricht, um mich zur Herberge zu bringen.
Ich verneine die Frage, ob ich schon Abendessen hatte, darauf schenkt sie mir noch zwei gefüllte Tomaten von ihrem Essen. Bei solcher Gastfreundschaft fühlt man sich mental wieder zurück auf dem Camino.

Die Fassade der Kirche von Saint-Gilles-du-Gard nebenan ist ein kleines Kunstwerk, die Kirche aber geschlossen. Schade, dass ich sie nicht von innen besichtigen kann. In der Herberge übernachtet eine andere Pilgerin, die jedoch nicht den Jakobsweg wandert, sondern abseits des Weges sich eine eigene Variante mit dem Mittelmeer als Ziel vorgenommen hat.
[12.7.2019] Von Saint-Gilles-du-Gard nach Vauvert
Zeitweise führt der Weg an einem Kanal entlang, dessen Ufer offensichlich als Schrotthalde dient. Neben ausgemusterten Booten liegen hier ausgebrannte Autowracks und Motorräder.
Der Weg ist äußerst schlecht markiert und bald verliere ich die Orientierung endgültig. Mit GPS kann ich mich zwar an der Straße zum Ziel der Etappe vortasten, da diese aber weit abseits führt, werden aus 17 Kilometern insgesamt 40. Zwischen zwei Seen hindurch, die nach dem Wasserstand auf zu wenig Regen hinweisen, geht es die Straße entlang in Richtung Norden, vorbei an zahllosen überfahrenen Nagetieren am Wegesrand, die vermutlich Bisamratten waren.
Wolkenfreier Himmel, Hitze, kein Schatten. Ich greife auf das bewährte Piraten-Outfit zurück, während ich den gelben Pfeilen folge, die mich jedoch immer weiter vom Ziel wegführen und irgendwann in die entgegengesetzte Richtung. Endgültig fälle ich die Entscheidung, mich nach dem GPS und nicht mehr an den Markierungen zu orientieren.
Die letzten Kilometer führen an einem Kanal entlang, bis ich endlich Vauvert erreiche. Als ich die Pilgerherberge betrete, treffe ich auf französische und einen italienischen Pilger, der mit seinem Hund unterwegs ist. Er ist immer wieder damit beschäftigt, seinen Hund davon abzuhalten, Wasser aus der Kloschüssel zu trinken. Die vier verfügbaren Schlafkabinen, erfahre ich, wären schon besetzt. Sie würden auf den Herbergsverwalter warten, da sie mit der Unterkunft auch ein Abendessen für 20 Euro zusätzlich gebucht hatten, jedoch telefonisch nur einen Anrufbeantworter erreichen. Der Verwalter erscheint einige Stunden später und bietet an, dafür eine Portion Spaghetti zu kochen. Er ist ein Italiener, der nach längerer Diskussion laut lachend die zwei Zwanzig-Euro-Scheine in die Luft wirft, aus Ausgleich für das von ihm offensichtlich nicht eingeplante Essen.

Bei einem Restaurant in Vauvert, in dem ich mit zwei Pilgern den Abend verbringe, findet ein Karaoke-Abend statt mit Moules Frites. Während allen eine großzügige Portion der Spezialität serviert wird, folgen wir den Aufführungen der Karaoke-Künstler. Anfangs unterhalten uns Sänger die sich eindeutig als aus der Gay-Szene stammend zu erkennen geben. Besonders gelungen jedoch ist die Darbietung eines sonst unauffälligen Italieners einer bekannten Arie von Caruso.
[13.7.2019] Von Vauvert nach Saint-Cristol (Hérault)
Morgens bin ich mit dem italienischem Pilger mit Hund unterwegs, der jedoch sehr langsam vorankommt, weil sein Begleiter auf vier Pfoten große Probleme hat, sich auf dem heißen Asphalt fortzubewegen. Auch einer der französischen Pilger ist dabei, der mit E-Gitarre samt Verstärker unterwegs ist und wegen des Gewichts häufig Ruhepausen einlegen muss. Die beiden entscheiden sich, schon sehr früh in Villetelle eine Unterkunft zu suchen, in der es jedoch laut meinem Plan keine Pilgerherberge gibt und so wandere ich alleine weiter bis nach Saint-Cristol.
Mein Weg wird belohnt, nicht nur durch den Platz in der Pilgerherberge, die gerade einmal Betten für zwei Personen bereithält und durch das Fenster einen Blick auf die Stierkampfarena bietet (in der an diesem Abend keine Veranstaltung stattfindet). Abends findet ein Festival statt. Erst sehe ich durch das Fenster der Herberge eine Gruppe von Musikern, begleitet von einem Drachen auf vier Rädern und später gibt es ein großes Feuerwerk, auf das mich der Herbergsverwalter bei der Ankunft schon hingewiesen hatte.
[14.7.2019] Von Saint-Cristol (Hérault) nach Montpellier
Bei über 32 Grad ohne Schatten bin ich über jede Wasserquelle am Weg dankbar. Nach der Wanderung an einem Kanal entlang und bei einem See vorbei, durchquere ich einige Zeit ein größeres Wohngebiet. Der Reiseführer empfiehlt, die letzten Kilometer nach Montpellier mit der Bahn zurückzulegen - was zwar der Einstellung eines echten Fußpilgers widerspricht, aber da der Weg zum Ziel vermutlich nur über Asphalt und durch Gewerbegebiete führt, folge ich lieber der Empfehlung. Der letzte Kilometer mit der Straßenbahn zum Place de la Comédie gleicht ein wenig einer Achterbahnfahrt. Ich bin beeindruckt von der Ingenieursleistung der Franzosen, die uns bei der Entwicklung von Bahnen wohl ein wenig voraus sind.

Ich werde daran erinnert, dass der 14. Juli der Nationalfeiertag in Frankreich ist. Es wehen Fahnen in Blau-Weiß-Rot, aber die Beflaggung ist nicht besonders auffällig. Am späten Nachmittag fliegen kurz neun Kampfflugzeuge über den Himmel mit einem Farbschweif der Nationalfarben. Dies scheint alles zu sein und nach längerem Warten kehre ich zurück zur Herberge.
Als ich abends Knallen von Feuerwerk höre, begebe ich mich wieder zum Place de la Comédie. Dort wird jetzt im großen Stil gefeiert. Einige brennen Bengalofeuer ab, mitten in der Menge explodieren Böller und immer wieder werden Raketen horizontal über den Platz gefeuert, worauf Zuschauer, die sich einen schlechten Platz gesucht hatten, panikartig flüchten. Laut hupend fahren Quads und Mofafahrer fahnenschwenkend umher, und der Mittelpunkt der Feier ist ein Brunnen in der Mitte, der von jungen Männern gekapert wurde, die mit nacktem Oberkörper Flaggen schwenken und unverständliche Parolen brüllen. Mir fällt auf, die Flaggen sind alle weiß-grün mit Mondsichel und Stern. Jedenfalls sind es nicht die französischen Nationalfarben. Neben vielen halbstarken Männern laufen auch wohlbeleibte Seniorinnen mit der weiß-grünen Flagge wie in Ekstase schreiend durch die Menge.
Das Knallen von Feuerwerk setzt sich die ganze Nacht fort und bei der Unterkunft höre ich am frühen Morgen die Beschwerde des Herbergsverwalters über die jungen Zuwanderer, welche die ganze Nacht für eine durchgehende Lärmkulisse gesorgt haben.
[15.7.2019] Von Montpellier nach Montarnaud
Eigentlich wäre ich lieber um 9 Uhr gestartet, aber der Herbergsverwalter hatte darauf gedrängt, die Unterkunft spätestens um 8 Uhr zu verlassen, da er früh zur Arbeit müsste. Am Ende der Altstadt erreiche ich einen Park, in dem sich französische Könige in großzügiger Weise verewigt haben. Hoch zu Bronzeross sitzt Ludwig XIV ebenso aus Bronze, auch erinnert ein Triumphbogen mit der Inschrift Ludovico Magno an den einstigen Sonnenkönig. Von Ludwig XIV, dem letzten König der Franzosen, der unter der Guillotine fiel, wurde ein See angelegt. Dieser wird von einem Aquädukt gespeist, der als mächtiges Bauwerk mit fast einem Kilometer Länge in der Neuzeit errichtet wurde.
Lange Zeit führt ein Wanderpfad durch die Vororte von Montpellier. Als ich den Ort Grabels verlassen habe, folgt ein Naturpark mit einer beeindruckenden Vielfalt von Insekten. Nicht nur zahllose Schmetterlinge, die ich noch nie gesehen habe, auch alle bienenähnlichen Bestäuber sind mir vollkommen unbekannt. Das Einzige, was wirklich stört, ist ein riesiger Solarpark inmitten dieser Idylle. Unter dem Vorwand, es diene dem Klimaschutz, darf man offensichtlich selbst im schönsten Naturschutzgebiet bauen.
Zugegeben, es ist doch nicht das Einzige, was stört. Es gibt Unmengen an Zikaden, die sich zu übertönen versuchen. Das ohrenbetäubende Zirpen lässt erst nach, als ich den Stadtrand von Montarnaud erreiche. Dies ist ein malerischer Ort mit einer Burganlage. Die Herberge dort ist privat und liebevoll eingerichtet. Ich treffe eine ältere Französin wieder, der ich zuvor in Vauvert begegnet bin, ebenso taucht ein belgisches Ehepaar auf. In der gut ausgestatteten Küche der Unterkunft gibt es abends gemeinsames Kochen. Das übliche Pilgeressen, Spaghetti mit Tomatensauce.
[16.7.2019] Von Montarnaud nach Saint-Guilhem-le-Désert
Nachdem ich Montarnaud hinter mir gelassen habe, verliere ich bald die Wegmarkierungen und verlasse mich daher auf mein GPS. Dieses führt mich eine Weile zuverlässig über einen Waldwirtschaftsweg, bis plötzlich ein Elektrozaun den Pfad versperrt. Es gibt jedoch keine Alternative, hinüberzusteigen und danach führt der Weg weiter. Erleichtert überquere ich nach einiger Zeit das andere Ende des Zauns und befinde mich auf einer kleinen Straße. Eine weiterführende Straße, die auf dem Navigationssystem eingezeichnet ist, existiert jedoch nicht und alle Alternativen enden in einer Sackgasse. Die Möglichkeit in Richtung der nächsten Stadt ist versperrt mit einem "Betreten verboten"-Schild und Stacheldraht. Einigen Hunden auf dem Nachbargrundstück ist meine Anwesenheit nicht entgangen. Bei ihrem Bellen wird mir ein wenig mulmig. Doch sie befinden sich hinter einem anderen Zaun und eine Variante gibt es nicht. Laut GPS liegt die nächste Bundesstraße mittlerweile nicht mehr weit entfernt. Am Ende des Grundstücks übersteige ich wenig später die gegenüberliegende Seite des Stacheldrahts, folge einem trockenen Flusslauf zwischen zwei Zäunen. Das Fortkommen durch dichtes Gebüsch wird etwas mühselig, bis ich auf dem anschließenden Marsch über einen Feldweg Autos höre und erleichtert bin, die Wildnis überlebt zu haben. Bald finde ich die Markierungen wieder und folge der Trasse einer stillgelegen Bahnstrecke bis nach Aniane. Dort treffe ich die beiden Belgier wieder, die gerade in einem Café eine Mittagsrast eingelegt haben.
Wenig später folge ich einem Fluss in Richtung einer Brücke mit dem ominösen Namen Pont du Diable. Dort befindet sich ein See mit Sandstrand und einer mittelalterlichen Brücke, welche am Ende des Sees eine Schlucht überspannt. Spontan entscheide ich mich für eine Pause, um hier zu baden. Es ist entspannend, eine Weile den Kanus zuzuschauen, welche unter der Teufelsbrücke hindurchfahren und die todesmutigen Badegäste zu beobachten, die von den Klippen springen.
Zum nächsten Ort fährt zwar eine kostenlose Navette, doch ich setze den Weg durch die Schlucht lieber zu Fuß fort. Es ist der schönste Wegabschnitt bisher. Zwar kann ich anfangs hinab über die Felsen keinen Abstieg zum Fluss finden, in dem einige an einer Stelle baden, an der Wasser von oben herabrauscht, aber etwas weiter finde ich einen Zugang zu einem Wasserfall. Da hier einige vom Felsen direkt in das rauschende Wasser springen, kann ich mich auch nicht mehr zurückhalten und probiere ein paar Sprünge, nur etwas vorsichtiger und von einer niedrigeren Höhe.
[17.7.2019] Von Saint-Guilhem-le-Désert nach Saint-Jean-de-la-Blaquière
War die Landschaft bis Montpellier noch eintönig und flach, wird sie jetzt umso schöner. Diese Etappe führt über Serpentinen in die Berge hinauf. Von einem senkrechten Felsenabriss bietet sich ein Panoramablick auf die Landschaft rundum.
Mit der älteren Französin wandere ich auf der Höhe, bis der Weg viele Kilometer später abwärts an der verlassenen Festungsanlage Castellas de Montpeyroux vorbeiführt, dessen Mauern sich eindrucksvoll in die Höhe erheben.
Wenig später und zwei Orte danach erreichen wir einen künstlerisch gestalteten Platz, bei dem wir eine Pause einlegen und uns in einer kleinen Bar eisgekühlte Getränke besorgen. Die Französin erklärt mir die Kunstrichtung. Man nennt es Hétéroclite und ist ein wildes Sammelsurium von allem Möglichem.

Zum Ziel Saint-Jean-de-la-Blaquière ist es nicht mehr weit und dort treffen wir die Belgier wieder, die schon zwei Pizzen in XXL-Format bestellt haben, an denen wir uns nach deren Aufforderung großzügig bedienen. Obwohl wir zu viert sind, bleiben noch einige Stücke über und da sie sonst keiner mitnehmen will, lasse ich sie mir für das nächste Frühstück einpacken. In der Herberge begegnen wir auch zwei neuen Pilgerinnen, einer Irin und einer Französin im mittleren Alter.
[18.7.2019] Von Saint-Jean-de-la-Blaquière nach Lodève
Nach der Pizza zum Frühstück und einem Abstecher zu einem Spielplatz geht es eine Weile durch den Wald.
Wir kommen zu einem abgelegenen Kloster. Dort befand sich einst der Ordre de Grandmont, ein Barfüßerorden mit besonders strengen Regeln, wie ich bei einem Rundgang erfahre. Neben Schuhen war auch jeder andere Besitz verboten, es gab keine Hierarchien und man wollte vollkommen unabhängig sein, daher musste alles von den Mönchen selbst produziert werden. Ein Anarchisten-Orden. Außerdem hatte man sich dazu verpflichtet, jedem dahergelaufenen Pilger großzügige Gastfreundschaft zu gewähren. Mag das Kloster aus dem 11. Jahrhundert schon alt sein, entdeckt man neben komischen Kunstwerken auf dem Rundgang noch Überbleibsel aus einer wesentlich früheren Zeit. Die Einkerbungen auf Steinen deuten darauf hin, dass es hier mehrere rituelle Opferstätten gegeben haben muss. Ein Bauwerk, ein sogenannter Dolmen, könnte auch eine Pilgerunterkunft aus der Steinzeit sein.
Auf einem Felsplateau wurden Steine in Kreisform platziert, vielleicht sind es geheime Botschaften an Außerirdische. Es gibt hier ebenso Kletterfelsen mit vorgefertigten Routen.
In Lodève habe ich mir eine preisgünstige Unterkunft reservieren lassen, in dem auch das belgische Paar untergekommen ist, während die Französin weiterwandert. Ihr Mann hatte vor der Reise alles vorgebucht und dabei ein luxuriöses Hotel außerhalb gewählt. Lodève ist eine größere Stadt, die ihren Ursprung schon in keltischer Zeit hatte und deren einstiger Name Luteva ein wenig an Lutetia, das heutige Paris erinnert, sich aber nicht zu einem derartigen Moloch entwickelt hat. Diese Stadt hat eine dramatische Vergangenheit. Im Hundertjährigen Krieg mit England wurde der Ort von dem sogenannten Schwarzen Prinzen überfallen und in den Hugenottenkriegen wurde die Kathedrale zum Einsturz gebracht.

Es findet ein Fest statt, zu dem ich mich abends begebe und mir bei ein paar Bier zwei Bands anhöre. Die Künstler haben einen eigenwilligen Musikstil. Die Sängerin der ersten Band singt eine Mischung aus Klagelied, Sprechgesang und Arien in Tonlagen von Bass bis Sopran. Jedes Lied endet mitten in der Strophe. Der Sänger der zweiten Band ist spindeldürr und trägt einen karierten Anzug mit Hosenträgern, das an das Outfit eines Börsenmaklers erinnert.
[19.7.2019] Von Lodève nach Lunas
Der Pilgerweg führt aus Lodève heraus immer weiter in die Höhe und dort hole ich die französische Pilgerin ein - mit der Französin im Schlepptau, die auch zwei Tage zuvor in Saint-Jean-de-la-Blaquière übernachtet hatte. An einer Weggabelung treffen wir auf das belgische Pärchen, die in ihren Reiseführer vertieft über die Wegplanung diskutieren. Mein Tagesziel ist eigentlich Joncels, der Ort, in dem sich auch eine Pilgerherberge befindet. Von den Belgiern erfahre ich, dass die Herberge dort derzeit geschlossen und der Verwalter schwer erkrankt wäre. Beim Blick in meinen Reiseführer fällt mir auf, dass Joncels durchgestrichen und Lunas als nächstes Ziel angegeben ist. In Vauvert hatte der Herbergsverwalter eine Weile in dem Büchlein herumgekritzelt und ein paar Telefonnummern eingetragen, hier und da Kommentare hinzugefügt und in der Übersichtskarte an dieser Stelle eine Abkürzung gemalt. Da ich den Reiseführer aus der Stadtbücherei ausgeliehen habe, hoffe ich, dass man bei der Rückgabe keinen Blick hineinwirft, sonst müsste ich vielleicht eine Neuanschaffung bezahlen.

Bei der Berechnung der Entfernung entscheide ich mich für den längeren Weg über Joncels nach Lunas - anstelle der Abkürzung über die asphaltierte Straße. Dafür werde ich mit einem wunderbaren Naturerlebnis belohnt, als der Weg mich durch eine Idylle aus Feldern mit Schmetterlingen und Bienen führt. In Joncels treffe ich die irische Pilgerin wieder, danach finde ich Früchte am Wegesrand, die äußerst lecker sind. Ähnlich wie Blaubeeren, doch sind sie mir unbekannt. Als ich einen Bach erreiche, flattern Wesen umher, die ich bisher noch nie in echt gesehen habe: Feen. Ihre Flügel leuchten Blau und als ich ihren Flug beobachte, lässt sich sogar eine der Feen auf meiner Hand nieder. Bevor ich ein Foto von ihr aufnehmen kann, fliegt sie jedoch weiter. Mit viel Geduld gelingt es mir, einige Bilder von den Feen aufzunehmen. In Wahrheit sind es Prachtlibellen, finde ich heraus, aber sie kommen den legendären Feen sehr nahe.
Als ich den Bach verlasse, kann ich nur knapp einem wirklich dicken Brummer ausweichen. Er fliegt eine Weile umher und lässt sich in einem Baum nieder. Als ich ihn entdecke, bin ich überrascht, dass so ein Riese überhaupt fliegen kann. Der Hirschkäfer ist sogar größer als ein Maikäfer.
Lunas ist ein malerischer Ort mit einem Schloss, das in der Mitte eines Flussbetts errichtet ist. In der Herberge treffe ich die jüngere Französin und die Irin wieder und wir verabreden uns zum Pilgermenü in einem Restaurant, in dem noch bis in die späte Nacht Livemusik gespielt wird.
[20.7.2019] Von Lunas nach Saint-Gervais-sur-Mare
Morgens, die anderen Pilgerinnen sind schon früher als ich gestartet, komme ich an Bowlingbahnen vorbei, an denen gerade eine Meisterschaft ausgetragen wird. Der Weg führt bald in die Höhe und zuerst treffe ich auf die ältere französische Pilgerin und später holen wir zusammen auch die jüngere Französin ein. Rund um uns befindet sich nur Wald und Heidelandschaft, zwischendurch kommen wir auch bei einer Gruppe von Pferden vorbei. Beim Abstieg bietet sich uns ein wundervoller Blick in eine Heidelandschaft aus Violett und Grün, so als wäre das Gelände von einem großartigen Landschaftsgärtner angelegt worden.
Im ersten Ort, den wir vom Gebirge aus erreichen, wurden ein Oldtimer-Traktor vor der Kirche aufgestellt sowie historische landwirtschaftliche Geräte zum Mähen, Dreschen und Entspälzen. Ich schaue mich um, ob die Luft rein ist und nutze die Gelegenheit, mich auf dem Traktor fotografieren zu lassen. Die französischen Pilgerinnen sind nach dem Marsch durch das Gebirge laufmüde geworden und lassen sich von der Eigentümerin der Unterkunft abholen. Ich schließe mich an und miete mich in der gleichen Pension ein. Da derzeit sehr wenige unterwegs sind, ist die Pilgerherberge vermutlich leer und die Aussicht, alleine in einem Schlafsaal zu übernachten, ist ein wenig trist.
Saint-Gervais-sur-Mare ist ein musealer Ort mit einer Burgruine und einer historischen Altstadt. Die Pensionseigentümerin erzählt, der Stadt wäre zur Zeit der Katharerkriege eine besondere strategische Bedeutung zugefallen und wurde damals von königlichen französischen Truppen besetzt. Abends treffe ich mich mit der älteren französischen Pilgerin und dem belgischen Paar zum Abendessen. Zwei von uns bestellen ein Menu mit Huhn und Reis für 13 Euro, die anderen entscheiden sich für gebratene Ente zu 16 Euro. Als wir zum Schluss die Rechnung bekommen, wird darin viermal ein Menu für 16 Euro berechnet. Ein Bier wurde vergessen. Wir begeben uns zum Eigentümer an der Theke und der Belgier diskutiert eine Weile mit dem Gastronomen. Dieser erklärt, zusätzlich zum Menu wurde eine Vorspeise serviert und deswegen wurde das teurere Menu berechnet. Eine Vorspeise, die wir nicht bestellt hatten und von der wir angenommen hatten, sie wäre Teil des Menus. Es geht eine Weile hin und her und der Eigentümer weist darauf hin, wir hätten die Vorspeise zurückweisen müssen statt sie anzunehmen, daher wäre die Rechnung rechtens. Die beiden diskutieren immer heftiger, der Belgier beschimpft den Gastwirt als Mafioso, während dieser entgegnet, so liefe es bei kommerziellen Geschäften eben. Er solle genau zuhören, denn wenn ein Gast den Fehler begeht, etwas anzunehmen, das nicht bestellt wurde, müsse er es eben bezahlen. Es wird lauter und der Inhaber schimpft, es ginge ja gerade einmal um 3 Euro. Mit den Worten reißt er seine Kasse auf und knallt eine handvoll Münzen auf den Tisch. Der Belgier fordert ihn auf, vor der Tür weiterzudiskutieren und rennt hinaus, während der Gastwirt einige Zwei-Euro-Münzen quer durch den Raum wirft und auch den belgischen Pilger trifft, der unvermittelt mit dem Kellner kollidiert und beide stolpern hinaus. Der Inhaber folgt, von draußen ist Gebrüll zu hören. Die französische Pilgerin, mit der ich an der Kasse warte, ist kreidebleich geworden und kommentiert die Geschehnisse mit "Oh-lala". Es dauert eine Weile, dann erscheinen der Inhaber und der Belgier mit einem zerrissenen Hemd wieder, sie haben sich ausgetobt. Nachdem der belgische Pilger eilig seinen Teil der Rechnung bezahlt hat und verschwindet, begleichen auch die Französin und ich meinen Teil. Der Gastwirt atmet dabei tief durch und kommentiert, so etwas habe er bisher noch nie erlebt.
Später in der Pension erzählt der Belgier, es wäre das erste Mal in seinem Leben, dass er so ausgerastet wäre.

Während die anderen sich zur Ruhe zurückziehen, begebe ich mich noch kurz zum Dorfplatz, da ich zuvor gesehen hatte, dass dort einiges aufgebaut wurde. Es ist ein Mittelalterfest, bei dem ein Schmied das Publikum mit der Vorführung von Esse, Amboss und Hammer in seinen Bann zieht und glühendes Eisen in Form bringt. Viel mehr bekomme ich nicht mit, da es schwer ist, einen Blick über die Menge der Zuschauer zu werfen und kehre zurück zur Unterkunft.
[21.7.2019] Von Saint-Gervais-sur-Mare nach Murat-sur-Vèbre
Als wir Saint-Gervais zu dritt verlassen und einen Berg hinauf wandern, folgt uns ein Hund. Es ist nicht ungewöhnlich beim Pilgern, dass Vierbeiner auftauchen und mitwandern. Der Weg führt in der Nähe eines Flusses durch einen Kastanienwald mit uralten Bäumen. Manche von ihnen sind hohl, sodass man sich darin verstecken könnte. Der Hund läuft immer wieder voran, scheint die Route zu kennen und kommt wieder zurück. Bald haben wir fast die Hälfte der Etappe hinter uns gelegt und er begleitet uns noch immer. Im Ort Castanet le Haut, ein passender Name zu den Kastanienwäldern, werden meine Begleiterinnen nervös und während sie den Hund genauer untersuchen, finden sie eine Halskette mit einer Telefonnummer. Telefonisch versuchen sie den mutmaßlichen Besitzer zu erreichen, doch am anderen Ende hängt nur ein Anrufbeantworter. Als ein Auto vorbeikommt, wenden sie sich an den Fahrer, den sie überzeugen können, den Vierbeiner zurück nach Saint-Gervais zu bringen.

Erleichtert setzen wir unseren Weg fort und nach dem malerischen Ort Castanet folgen wieder Kastanienwälder. Dort übersehen wir bald eine Markierung und als der Weg nicht mehr weiterführt, kehren wir zurück und finden die Abzweigung, die zu einem steilen Aufstieg führt. Für die ältere französische Pilgerin sind solche Abschnitte mit ihren 69 Jahren stets mühselig, sodass wir ziemlich langsam vorankommen. Mal wird sie von der jüngeren Französin gezogen, mal von mir geschoben. Als wir die Wildnis hinter uns gelassen und die Zivilisation erreicht haben, stimmen die beiden kurz das Lied "Ultreia!" an, als wir plötzlich lautes Geschrei hören und zusammenzucken. Wir drehen uns um, dort ruft ein Esel ein herzzerreißendes "I-Ahh!" und ein zweiter gesellt sich dazu. Eine Weile beschäftigen wir uns mit den Eseln und suchen den Wegrand nach Disteln ab, um die Tiere zu füttern.

Die letzten Kilometer führen durch einen eher eintönigen Wald, bis wir Murat-sur-Vèbre erreichen. Nach einem gemeinsamen Abendessen begeben wir uns zu einem Jahrmarkt mit einem Autoscooter, Popcornständen, und am Schießstand beschließt die jüngere Französin, sich einmal an der Waffe zu versuchen. Mit drei Schüssen trifft sie zwei Luftballons, bei der Auswahl der Preise entscheidet sie sich für eine Spirale.
Diese kenne ich noch von früher und bin überrascht, dass es so etwas heute noch gibt. Es ist diese Art von Spiralen, die man im Treppenhaus Stufe für Stufe herunterwandern lassen kann, als wären sie lebendig. Später verabschiedet sie sich. Sie erklärt, hier wäre ihr Weg zu Ende und am frühen Morgen müsste sie mit dem Bus zurück nach Avignon fahren.
[22.7.2019] Von Murat-sur-Vèbre nach La Salvetat-sur-Agoût
Mit der älteren Französin erreiche ich morgens einen See. Ein junges Pärchen, das wohl am Ufer übernachtet hat, kommt an uns vorbei. Wir unternehmen eine kurze Besichtigung der Kirche von Villelongue am Ende des Sees, in der einige Schwalben umherfliegen und entdecken auch ihr Nest im Dach. Auf den Sitzbänken haben die Vögel einige weiße Flecken hinterlassen. Anschließend geht es durch einen Buchenwald und dort entdecken wir eine minimalistische Pilgerunterkunft, die aus nicht viel mehr als einem Dach besteht und einem Raum mit Naturboden. Außer bei schwerem Gewitter würde ich kaum darin übernachten wollen. Als wir wenig später einen kleinen Bach überqueren, rutscht die Französin auf den moosbewachsenen Felsen aus und fällt in den Schlamm. Da sie sich nicht alleine aufrichten kann, helfe ich ihr dabei, aus dem Flussbett herauszukommen. Bis auf ein paar Blessuren und einer schlammigen Hose ist es aber glimpflich ausgegangen.
Kurz vor La Salvetat begegnen wir der irischen Pilgerin und beim Tourismusbüro melden wir uns für die Pilgerunterkunft an. Es ist ein altes Schloss, ein sogenannter Donjon und als wir eintreten, schlägt uns eiskalte Luft entgegen. Vor der Tür war es um die 30 Grad, doch innen scheint es fast 15 Grad kälter zu sein. Gespenstisch. Besonders spannend finde ich die Besichtigung des Kellers im Erdgeschoss. Ich stelle mir vor, dass darin ein Schlossgeist haust. Die eigentliche Herberge liegt zwei Stockwerke darüber, dazwischen befindet sich die Küche.
Als ich mir bei einer Bäckerei für das Abendessen ein Baguette besorgen will, wundere ich mich über die Auslage des Schaufensters. Irgendwas muss da schief gegangen sein. Wahrscheinlich war der Bäckermeister nicht anwesend und seine Gesellen hatten sich beim Backen einen besonderen Spaß erlaubt.
[23.7.2019] Von La Salvetat-sur-Agoût nach Anglès
Die beiden anderen Pilgerinnen starten früher und ich wandere den Großteil des Weges alleine - hauptsächlich durch Wald, bis ich ein Stück vor Anglès die ältere Französin einhole und wir die letzten Kilometer gemeinsam bis zum Stadtrand wandern. Da sie eine andere Unterkunft gebucht hat, besorge ich mir beim Rathaus den Schlüssel für die Herberge, dort treffe ich auch die Irin wieder. Beim Supermarkt in Anglès bin ich positiv überrascht, denn neben dem normalen Laden gibt es noch eine Markthalle mit regionalem Obst und Gemüse. Tomaten, Pfirsiche, Zucchini, alles frisch direkt von den Bauern der Umgebung geliefert. Die wesentlich bessere Qualität gegenüber normalen Supermärkten ist unverkennbar.
[24.7.2019] Von Anglès nach Boissezon
Morgens wurden auf dem Marktplatz einige Stände aufgebaut. Alles von frischgebackenem Brot über Käse bis zu französischen Spezialitäten wird angeboten wie auch Gänseleberpastete. Da ich meinen Rucksack nicht schwerer machen will als nötig und ich schon Pfirsiche zum Frühstück hatte, verzichte ich auf den morgendlichen Einkauf.
Erneut führt der Weg hauptsächlich durch Wald, vorbei an Lichtungen mit Arten von Schmetterlingen, die ich nie zuvor gesehen habe, sowie vielen Hirschkäfern und mir unbekannten Käfern. Der Abstieg führt durch Felder und im Ort Boissezon ist die Herberge direkt das erste Gebäude der Stadt.
Dort treffe ich die Irin wieder und sie berichtet, sie wäre schon vormittags angekommen und als sie kurz bei der Fleischerei vorbeigekommen war, konnte sie sich ein paar Dinge für ihr Abendessen und Frühstück einpacken lassen. An diesem Tag, so behauptete sie, hätte nichts geöffnet. So recht glaube ich ihr das nicht, denn mein schlauer Reiseführer erzählt, dieses Dorf wäre bestens versorgt mit allem, obwohl gerade einmal 800 Einwohner darin leben. Es ist ruhig, fast idyllisch. Unten plätschert ein kleiner Fluss vor sich hin und oben auf einem Hügel thront eine Kirche. Der Himmel ist wolkenfrei und der Nachmittag wird recht heiß. Zum Glück war die Etappe von Anglès nach Boissezon nicht allzu lang und ich bin der Hitze entgangen, dennoch reizt mich der Aufstieg zum sakralen Gebäude, das einst eine Burg war. Leider ist die Kirche geschlossen, daher genieße ich den Ausblick von dort und begebe mich anschließend zurück zur Herberge, um Siesta zu halten.
Bei einem späteren Rundgang durch den Ort stelle ich fest, dass die Irin recht hatte. Das Restaurant ist heute ganztags geschlossen und die Fleischerei hat dienstags, donnerstags und samstags geöffnet. Heute ist Mittwoch. Die einzigen anderen Geschäfte im Ort sind eine Apotheke - doch Blasenpflaser und Ähnliches brauche ich nicht - und eine Galerie, die täglich geöffnet hat. Dies ist aber auch nicht das, was ich suche. Unverrichteter Dinge kehre ich zurück in die Selbstversorger-Herberge, die nur Übernachtung ohne Abendessen oder Frühstück bietet. Appetit darauf hätte ich jetzt schon. Als ich im Innenhof einige Käfer auf dem Boden liegen sehe, die noch größer als Hirschkäfer sind, kommt mir in den Sinn, dass Heuschrecken und andere Insekten recht lecker sein sollen. Diese Käfer könnten zu groß geratene Kakerlaken sein, die mit Giftspray behandelt wurden. Daher lasse ich sie lieber liegen, statt sie in der Pfanne zu rösten. Zum Glück finde ich in der Küche noch eine halbvolle Tüte mit Pasta und Salz, um mir daraus eine Suppe zu kochen.
[25.7.2019] Von Boissezon nach Dourgne
Nach einigen Kilometern durch Wald, an Feldern vorbei und über einen Hügel erreiche ich Saint-Hippolyte, einen Vorort von Castres. Meine Augen leuchten, als ich auf einem Krankenhausgelände einen Mirabellenbaum mit reifen Früchten entdecke. Eigentlich ist das Diebstahl, aber was soll's. Mirabellen werden meistens sowieso nicht geerntet und so decke ich mich mit zwei Handvoll von ihnen ein. Sie sind zwar etwas sauer, aber sie füllen den Magen.
In Castres, einer Stadt mit vielen Touristen und einigen imposant wirkenden Gebäuden, treffe ich die Irin wieder, die gerade aus dem Touristenbüro kommt und Informationen für ihre Rückreise bekommen hat. Es ist ihr letzter Tag, auch sie reist ab. Auf diesem Weg hatte sie nicht die besten Erlebnisse und sie erzählt, dass ihr vor ein einigen Tagen nach dem Bezahlen eines Bustickets ihr Geldbeutel abhanden gekommen war, samt Kreditkarte, Personalausweis und 400 Euro, die sie für den ganzen Weg mitgenommen hatte. Zum Glück konnte sie in einem Kloster unterkommen - so erzählt sie - und durfte ihren Sohn anrufen, der angereist kam, um sie mit dem nötigen Bargeld für den Rest des Weges zu versorgen.
Nach dem Abschied finde ich endlich eine Wasserquelle, um nach langer Zeit mein Trinkwasser wieder aufzufüllen. Die Sankt-Rochus-Quelle am Ende von Castres soll nach der angebrachten Plakette zwar kein Trinkwasser sein, aber dieser Pestheilige wird sicher gewusst haben, welches Quellwasser für seine Kranken am bekömmlichsten ist. So bin ich bestens versorgt, als ich meinen Weg unter wolkenfreiem Himmel und vorbei an Feldern fortsetze, als ich mich einem Feld nähere, auf dem Kühe gemütlich im Gras sitzen und wiederkäuen. Erst steht eine von ihnen auf, dann eine weitere und es werden immer mehr. Normalerweise lassen sich solche Schwergewichter nie in ihrer Ruhe stören, denn der Aufwand, einen Körper von 5 Zentnern und mehr aufzurichten, stellt einen außerordentlichen Kraftakt dar. Als ich auf ihrer Höhe angekommen bin, bricht bei ihnen wildes Treiben aus, zwei bespringen sich gegenseitig und alle starren mich an. Ihr Blick wirkt nicht freundlich. Ein Elektrozaun trennt mich von ihnen. Doch der ist für sie vielleicht kein wirkliches Hindernis. Ich versuche, mich harmlos zu geben, während sie mir hinter dem Zaun folgen und mich weiter feindselig anstarren. Als ich endlich die aufgehetzte Meute hinter mir gelassen habe, atme ich erleichtert auf.
Bei einer Pause an einem Fluss im Schatten, an dem ich mich ein wenig kühlen kann, werfe ich einen Blick in den Reiseführer auf der Suche nach einer passenden Unterkunft in Dourgne. Eine Herberge gibt es dort nicht. Nur ein Benediktinerkloster, das sich Scholastics-Orden nennt - oder so ähnlich. Ich rufe bei der französischen Pilgerin an, von der ich weiß, dass sie dort untergekommen ist und nach der Rücksprache mit einer Nonne meldet sie sich zurück, dass es leider zu spät wäre. Man müsse bis spätestens fünf Uhr nachmittags dort sein und danach wären ihre Pforten verschlossen. Von wegen Nächstenliebe. Es gibt eine Pension im Ort, die ich danach anrufe. Außer einem Anrufbeantworter meldet sich niemand. In Dourgne angekommen sehe ich mich nun nach einem passenden Platz zum Schlafen um. An der Seite des Feldwegs im Grünen wäre eine Option. Oder unter der Brücke eines kleinen Flusses. Ein paar Möglichkeiten habe ich gesehen, die akzeptabel wären und begebe ich mich auf die Suche nach einem Restaurant für ein Abendessen, bevor ich mich im Grünen einrichte. Nur das Restaurant de La Montagne Noire hat geöffnet und beim Blick auf die Speisekarte fällt mir auf, dass dies auch ein Hotel ist. Der Preis für eine Übernachtung für beträgt mehr als 50 Euro und ist aus Pilgersicht zwar astronomisch, aber nach kurzem Nachdenken komme ich zum Schluss, einmal auf dem Weg darf man sich eine teure Übernachtung in einem Hotel gönnen. Kurz darauf habe ich mich angemeldet, geduscht und nehme zum Abendessen Platz. Es scheint etwas von der gehobenen Art zu sein. Es ist zwar nicht karg wie die Nouvelle Cousine, doch die Vorspeise aus Salat mit Huhn ist vorzüglich und so leckeres frischgebackenes Brot hatte ich seit Jahren nicht probiert. Zwar könnte das Steak etwas besser sein, doch die Nachspeise aus Crème Chocolat ist wieder so, wie ein Gourmet sie zubereiten sollte. Beim Blick auf die Karte fällt mir auf, es wurde als Michelin-Sterne-Restaurant ausgezeichnet. Zwar halte ich wenig von solchen Gourmet-Führern, aber bei diesem Restaurant hatte ich den Eindruck, dass man sich bei der Zubereitung der Speisen besondere Mühe gibt.
[26.7.2019] Von Dourgne nach Revel
Abends war es sehr windig geworden, nachts fällt etwas Regen. Manchmal ist es nicht das Schlimmste, sich als Pilger eine Übernachtung im Hotel zu gönnen, statt im Freien zu übernachten. Nach zwei Wochen in der Hitze ist der Himmel nun bedeckt, hin und wieder fallen Regentropfen. Der Weg führt an Feldern vorbei, kurz sehe ich in der Entfernung Rehe, die schnell die Flucht ergreifen und ich wandere durch eine landwirtschaftliche Gegend, weiche dem einen oder anderen Traktor aus und mache Rast im Dorf Cahuzac. Als ich einige Kilometer weiter gewandert bin, fallen mir am Wegrand Dinge auf, die mir bekannt vorkommen. Beim Anblick einer alten Hütte, neben der ein Auto mit einem Bootanhänger steht, fluche ich. Hier bin ich tatsächlich schon vorbeigekommen. Beim Einschalten des GPS erkenne ich, dass ich in die entgegengesetzte Richtung gelaufen bin, während ich den rot-weiß-Markierungen gefolgt bin. Die sind in beiden Richtungen gleich. So was dummes. Pfeile wären praktischer. Ich kehre um und mir wird klar, dass ich zuvor einmal im Kreis und danach in die falsche Richtung gelaufen bin.
Nicht weit von meinem Etappenziel entfernt erreiche ich den Ort Sorèze und bin sofort fasziniert von der Altstadt mit Stadttor und den altertümlichen Häusern. Kunstgeschäfte und Souvenirläden säumen die Straße. Der mit Burgzinnen bewehrte Kirchturm ist ein wirkliches Highlight, eine Kombination aus Wehrturm und Glockenturm. Dieses Gebäude muss ich auf jeden Fall auch von innen besichtigen. Als ich um den Turm herumgewandert bin, finde ich dort aber keine Kirche, nur eine Apsis mit dem beeindruckenden Glockenturm darüber. Auf einem Schild lese ich, was es damit auf sich hat: Diese Kirche wurde 1573, ein Jahr nach der Bartholomäusnacht und während der Religionskriege zerstört. Nur noch der Turm ist erhalten. Dieses sakrale Gebäude war einst Sankt Martin gewidmet, der bekannt wurde durch den Martinsumzug. Als ich sehe, wie eine Horde von Touristen geleitet von einem Schirmchenführer von einem Busparkplatz kommt, wird mir klar, dass die Stadt nicht nur für Pilger interessant ist.

Später in Revel befindet sich die Pilgerherberge und außer mir ist dort nur noch ein holländischer Pilger angekommen. Seine Wanderung führt ihn aber in die entgegengesetzte Richtung. Er will in Richtung Genua, weiter bis Rom und danach an die italienische Ostküste, um von dort nach Albanien überzusetzen und weiter in die Ukraine zu pilgern. Große Pläne. Nachmittags findet ein Herbergsverwalter-Wechsel statt, ein älteres Pärchen macht Platz für eine Seniorin. Sie schließt immer wieder alle Türen ab, was den Nachteil hat, dass man jedesmal klingeln muss, wenn man zurück in die Herberge will. Selbst wenn man kurz in den Hof geht, ist zwischendurch die Tür der Herberge abgeschlossen. Dafür aber kocht sie für uns beide ein umfangreiches Abendessen.
[27.7.2019] Revel und Toulouse
Nachts beginnt Regen, der bis zum Morgen anhält. Was ich schon im Hinterkopf hatte, entscheide ich nun endgültig: Hier die Tour zu beenden, mit dem Bus nach Toulouse zu fahren und von dort die Heimreise anzutreten. Es sind so gut wie keine Pilger unterwegs und selbst wenn der Holländer in der gleichen Richtung unterwegs wäre, hätte ich keine Lust im Dauerregen zu wandern und außerdem haben sich Schmerzen in meinen Füßen eingestellt, weshalb ich die nächste Etappe sehr kurz halten müsste, und..
außerdem könnte ich später hierher zurückkehren und den Weg fortsetzen.

Beim gemeinsamen Frühstück hat die Herbergsverwalterin mit dem Holländer offensichtlich einen geeigneten Partner zum Palavern gefunden. Nachdem ich erfahren habe, dass Frankreich und Holland eine gemeinsame Grenze haben, die sich in der Karibik auf der Insel Sankt Martin befindet, beeile ich mich mit dem Abschied, um den samstags nur äußerst selten startenden Bus zu erwischen.
Als der Bus bei strömendem Regen unterwegs ist, bereue ich die Entscheidung, den Weg heute zu beenden, kein bisschen und als wir kurz vor Toulouse sind, kann ich meinen Augen kaum trauen. Nicht weit entfernt erkenne ich eine Startrampe mit einer Rakete. Bei der kurzen Recherche mit dem Smartphone stelle ich fest, dass es hier einen Themenpark gibt, in der sich eine Kopie der Ariane in Originalgröße befindet. Da ich noch den ganzen Tag Zeit habe, bevor der Fernbus in die Heimat startet, werde ich mir das aus der Nähe anschauen. Kurz nach der Ankunft mit dem Bus begebe ich mich zur Cité de l'Espace, die etwas außerhalb liegt.
Unterwegs kommt mir die Mission des als Astro-Alex gefeierten deutschen Weltraumpilgers in den Sinn, der vom Orbit aus eine Rede gehalten hatte, in der er sich bei seinen Enkeln dafür entschuldigt, dass er ihnen ihren Planeten in einem derart miserablen Zustand hinterlassen hat. Obwohl er gar keine Enkel hat. Jedenfalls sind die Umweltaktivisten begeistert. Der Mann scheint ein Visionär zu sein.
Als endlich der Abend angebrochen ist und ich im Fernbus Platz genommen habe, eilt eine Frau mit einer riesigen Tüte herbei, die neben mir Platz nimmt. Sie braucht unbedingt schnell Internet-Zugang und da das WLAN im Bus nicht funktioniert, bittet sie mich, einen Bluetooth-Zugang über mein Handy einzurichten, um chatten zu können. Meine der wegen früherer Abreise noch großzügig vorhandene Datenrate sinkt rapide und als sie während der Wartezeit bei einem Umstieg in Montpellier wild mit einem Selfie-Stick hantiert, ist das Datenvolumen endgültig aufgebraucht. Sie ist eine Video-Bloggerin, erfahre ich, und sie hätte ungefähr 800 Follower, die ihr regelmäßig zuschauen würden. Manche würden sie immer wieder bewusst provozieren, zeigt sie mir in den Kommentaren ihres Chats, doch da die alle in Russisch sind, verstehe ich die Texte nicht.
Unter anderem hätte sie sich im Dachstuhl ihrer Wohnung als Fledermaus verkleidet, um ihre Fans zu unterhalten, erzählt sie mir. In nächsten Bus ist WLAN verfügbar und als nach vielen Stunden Fahrt der Morgen anbricht, wird sie hektisch. In ihrer Tüte in der Größe eines IKEA-Sacks, in den so ziemlich alles hineinpasst und der randvoll gefüllt ist mit Dingen vom Apple-Tablet bis zu Schminkutensilien, beginnt sie zu wühlen. Sie verfällt zunehmend in Panik, da sie die Umverpackung für ihrer Kopfhörer nicht mehr findet. Die verzweifelte Suche zieht sich ganze vier Stunden hin, bis sie diese unterbricht, weil sie sich bei ihren Followern melden muss. Als sie in Russisch loslegt und mit dem Selfie-Stick gegen die Lehne knallt, richten sich die Leute auf den Sitzen vor uns, die durch das ständige Gezappele schon lange genervt waren, auf und beginnen zu schimpfen. Es sind ebenso Russen und was auch immer meine Sitznachbarin an Worten von sich gegeben hat, hatten sie auf sich bezogen. Als sich die Situation nach einiger Zeit beruhigt hat, flammt der Streit jedoch wieder auf und bei einem Stopp stellt sich einer der Russen mit Fäusten drohend vor sie, ein anderer hält ihn zurück. Es scheint, eine Schlägerei steht kurz bevor, doch als der Missgelaunte in ihre Richtung spuckt und sich danach abwendet, bin ich froh, dass er keine wirkliche Gewalt angewendet hat. Wieder im Bus und als meine Sitznachbarn ihren Videochat fortsetzt, lacht einer der Russen amüsiert, da er wohl verstanden hatte, dass sie nur ihre Follower beschimpft. Der andere grummelt beständig, eine Russin schimpft. Meine Sitznachbarin erklärt mir, dass diese beständig Worte an sie richten, die Schlampe oder ähnliches bedeuten.
Das Leben als Videochatter ist wirklich hart, wird mir bewusst. Astro-Alex ist einer der ganz wenigen erfolgreichen.