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Von Vilela und durch Galicien
[1.9.2014] Von Vilela nach Mondoñedo
Unsere ausgelassene Stimmung nachts bei der Rückkehr in die Herberge blieb nicht unbemerkt. Eine Gruppe von drei dänischen Seniorinnen revanchiert sich früh am nächsten Morgen mit demonstrativ lautem Trampeln durch dem Schlafsaal und lautstarken Diskussionen beim Packen ihrer Rucksäcke, was sich über mehr als eine Stunde hinzieht.

Am diesem Tag hatte ich geplant, bis zu dem Ort Lourenzá zu wandern - dort erfahre ich von einem spanischen Pilger, dem ich begegne, die Pilgerherberge wäre geschlossen: zur Desinfektion wegen Bettwanzen. Wir gehen zusammen zur Ersatzunterkunft in einem Sportzentrum. In dem Schlafsaal sehe ich niemand, den ich kenne - nur die drei dänischen Seniorinnen vom Vortag haben sich hier eingenistet. Kurzentschlossen ändere ich meine Planung und wandere 6 km weiter nach Mondoñedo. Die Pilgerherberge ist schon komplett belegt, es gibt nur noch die Möglichkeit, sich einem Platz am Boden auszusuchen und auf einer Matte zu schlafen - die ich nicht habe, jedoch organisieren andere Pilger diese für mich und wir finden Platz zu Sechst im Keller der Unterkunft.
[2.9.2014] Von Mondoñedo nach Gontán
Im Keller wechselt sich nachts das Brummen der Ölheizung mit dem regelmäßigen Zischen des Abwassers ab. Jedes Mal, wenn jemand die sanitären Anlagen in einem Stockwerk darüber benutzt, ist es laut zu hören, da die Abwasserleitung direkt durch den Raum verlegt ist. Dennoch bemerken wir - der Keller ist ein dunkler Raum ohne Fenster - erst durch intensiven Lärm aus dem ersten Stock, dass 9:00 schon lange vorbei ist und die Putzfrau ihre Arbeit gerade begonnen hat. Als erstes nach dem Packen begeben wir uns in ein CafĂ©. Das Frühstück zieht sich länger hin, sodass wir uns erst zur Mittagszeit auf die nächste Etappe begeben.

Die Gruppe, mit der ich unterwegs bin, besteht aus einer jüngeren Pilgerin, einem Pilger, der in meinem Alter ist und zwei Jünglingen, die diesen permanent provozieren.
[3.9.2014] Von Gontán nach Vilalba
Die Unterkunft in Vilalba weckt Erinnerungen an den Camino Portugés: die Herberge wird von der örtlichen Feuerwehr betrieben, nebenan stehen die leuchtend roten Einsatzwagen. Ebenso befindet sich auf der anderen Seite, die Niederlassung das roten Kreuzes. Ansonsten hat die Stadt Vilalba, die sich etwas entfernt von der Unterkunft befindet, das Flair einer gesichtslosen amerikanischen Provinzstadt - aussichtslos ist der Versuch, hier irgendwelche Sehenswürdigkeiten zu entdecken.
[4.9.2014] Von Vilalba nach Baamonde
In Baamonde würde es eine besondere Sehenswürdigkeit geben, hatten mir Wanderer unterwegs erzählt. Ihrem Pilgerführer nach soll die Herberge in diesem Ort die hübscheste Hospitalera des gesamten Camino betreiben. Gleich als ich dort zusammen mit drei älteren Pilgerinnen, denen ich am Ende des Weges begegnet bin, dort ankomme, um mich anzumelden, denke ich: die Information aus dem Camino-Guide ist vermutlich korrekt.

Hier treffe ich auch die Leipziger Pilger wieder, und den Engländer mit der Gitarre. Bis spät in die Nacht unterhält er die Pilger im Garten der Herberge mit Musik und Gesang, von 'Somewhere over the Rainbow' bis 'Father and Son'. Zwischendurch erscheinen die Däninnen kurz und schließen das Fenster zum Garten, da sie sich beim Schlafen gestört fühlen.
[5.9.2014] Von Baamonde nach Sobrado dos Monxes
Der Weg beginnt morgens bei Nieselregen und an der Nationalstraße entlang, bald erreiche ich den Kilometerstein, der die genaue Distanz von 100 km nach Santiago markiert.
Auf diesem Monolithen liegen einige Kronkorken, die mir in dem Moment, als ich ein Foto vom dem Stein aufnehme, nicht besonders erwähnenswert erscheinen - jedoch später, als ich zwei der bayrischen Pilger in Santiago wiedertreffe, eine besondere Bedeutung bekommen. Die Beiden hatten eine besondere Idee, erzählen sie bei der nächsten Begegnung: die letzten 100 Kilometer nach Santiago mit einem Kasten Bier zu wandern. Die Kronkorken, die auf den Kilometersteinen liegen, stammen also von den zwei Bayern. Eine geniale Idee, den Schluss des Camino, der für die Compostela - die Pilgerurkunde - obligatorisch ist, als Biermarathon abzuschließen und jede 10 Kilometer mit einer Flasche Bier auf den Weg anzustoßen.

Wegen zunehmend knapper Zeit für den verbleibenden Weg nach Santiago hatte ich mich für eine lange Etappe entschieden. Und erreiche erst kurz, bevor der Empfang der Herberge schließt, das Kloster von Sobrado dos Monxes. Dieses ist ein wirkliches Highlight unter den Unterkünften: eine riesige Klosteranlage, von der die Hälfte unbewohnt und halb verfallen, mit einer gigantischen Kirche, die bis auf ein paar Sitzbänke komplett leer ist - deren Kirchtürme grün bewachsen sind und vor allem als Brutstätte von Vögeln dienen.
[6.9.2014] Von Sobrado dos Monxes nach Salceda
Morgens in der Klosterküche herrscht ein absolutes Chaos: alle Töpfe und alles Geschirr - alles steht ungewaschen herum, obwohl dort ein Hinweis angebracht ist, man möge doch bitte die Küche sauber hinterlassen. Ich denke an die armen Mönche, die sich um dieses kümmern und alles wieder in Ordnung bringen müssen und überlege, ob ich ein gutes Werk tun und den ganzen Kram abspülen sollte. Beim Überblicken des riesigen Chaos komme ich zu der Entscheidung: nein. Das würde mich komplett überfordern und wahrscheinlich den halben Tag beanspruchen.

Anfangs treffe ich immer wieder einige von den deutschen Pilgern, die heute häufiger Pausen beim Kaffee machen, begegne nach einer Weile dem Schweizer in dem Ort Boimorto. Dort zeigt sich ein Problem: der Camino ist weit und breit nicht mehr markiert. Der schweizer Pilger entscheidet sich für die sichere Variante, entlang der stark befahrenen Nationalstraße nach Arzúa. Ich versuche es mit der offiziellen Variante, geradeaus weiter durch den Ort und der Landstraße folgend. Nach einem Kilometer kommen mir Radfahrer entgegen und erzählen, sie wären umgekehrt, da sie auch viele Kilometer weiter auf keinen gelben Pfeil oder eine Muschel, die den Weg markieren, gestoßen sind. Jetzt wieder umzukehren habe ich keine Lust, und weiter geradeaus zu gehen erscheint unsicher.. Zeit, das ich mich mit GPS-Kompass orientiere. Die Luftlinie nach Arzúa zeigt auf einen Weg, der links abbiegt, aber auf keiner Online-Karte registriert ist. Zu neu oder führt der in eine Sackgasse? Die Richtung ist nach Luftlinie genau richtig und es wäre ein Weg, auf dem kein Auto unterwegs ist.
Sich nach Kompass zu orientieren ist immer ein Risiko - man weiß nie, ob der Weg irgendwo endet. Jedoch habe ich Glück, über Wirtschaftswege durch den Wald und über Feldwege laufe ich in die angezeigte Himmelsrichtung, bis ich nach Stunden wieder auf die Straße treffe und auf das erste Muschelsymbol. Bald erweiche ich auch Arzúa - dort, wo sich der Camino del Norte mit dem Camino Francés vereint.

Zum Schluss begegne ich einem spanischen Pilger wieder, den ich ab und zu getroffen habe, der ungefähr in meinem Alter ist, ziemlich viel kifft, hyperaktiv wirkt und vermutlich das zerschlissenste Outfit von allen Pilgern trägt. Mit ihm wandere ich die letzten Kilometer bis Salceda zu einer privaten Herberge. Zwei von dem deutschen Wanderern und der Schweizer treffen Abends ebenso ein. Zusammen gehen wir zu einer Bar.
Mitternacht zurück in der Unterkunft, nach einem Joint, rempelt der hyperaktive Spanier mehrmals gegen jedes Bett im Zimmer. In dem Schlafraum, in dem Minuten vorher lautes Schnarchen zu hören war, sind nun alle Schnarcher verstummt - der nervöse Spanier murmelt einige Zeit laut vor sich hin, nimmt den oberen Platz in seinem Stockbett ein und verfällt kurz darauf in lautes Schnarchen.
[7.9.2014] Von Salceda nach Santiago
Um 5 Uhr schaltet sich ein Smartphone ein und weckt alle im Schlafsaal mit lauter Musik. Der hyperaktive Spanier beginnt nach einer Weile, sich zu räkeln und versucht, aus dem Stockbett herunterzusteigen, was ihm aber nicht gelingt. Mittlerweile sind alle in dem Raum wach, es beginnt eine Diskussion, wie man den frühmorgendlichen Lärm abstellen kann. Jemand hat die passende Idee - er steht auf, greift nach dem Smartphone und reicht es dem Spanier nach oben. Dieser schafft es jetzt, den Wecker abzustellen, jedoch, da mittlerweile sowieso jeder hellwach ist, beginnen die meisten jetzt, die Rucksäcke zu packen.

Nachts sowie morgens regnet es - ungünstig, da ich am Vorabend meine Wäsche gewaschen und auf die Leine gehängt habe. So gut wie Alles - ich habe keine Kleidung zum Wechseln. Die nassen Klamotten im Rucksack verstaut, wandere ich durch permanenten Nieselregen in Richtung Monte de Gozo. Seit dem Vortag nur noch in Sandalen unterwegs, da meine Sportschuhe soweit durchgelaufen waren, dass die Fußsohle durchkam, sich ständig Kiesel in den Schuhen gesammelt hatten. Und Wasser. Sehr unangenehm. Die letzten Kilometer vom Monto de Gozo regnet es zunehmend, in Sandalen bei Regen zu gehen, ist eine Herausforderung, da man wegen der glatten Sohle ständig ins Rutschen gerät.
Ich erreiche am frühen Nachmittag die Kathedrale und die erste Emotion ist.. Enttäuschung. Das soll die Kathedrale sein?? - Zu sehen ist eine Baustelle. Das dem Jakob gewidmete Heiligtum ist hinter einem riesigen Baugerüst verschwunden, große Planen decken dieses teilweise ab, bemalt - man soll erahnen können, welches Bauwerk sich dahinter befindet. Nach einer Idee, die von dem hektischen Spanier stammt - der erzählt hat, er würde mit seiner Kamera überall Selfies aufnehmen, er selbst mit Pilgerinnen, er selbst mit Kühen, er selbst mit Kirchen und zum Schluss ein Foto von seinen Füßen vor dem Jakobs-Heiligtum - nehme ich ein Bild auf von meinen Füßen vor der Kathedrale auf.

Später treffe ich die jungen Bayern wieder in meiner Lieblingskneipe von Santiago, in der man sich vor allem billig besaufen kann. Mit einer Pilgerin, die erzählt, sie hätte die beiden zum Schluss getroffen, als sie mit einem Kasten Bier gewandert seien. Einer von den Bayern gibt ein Bier nach dem anderen aus, am frühen Abend bin ich schon völlig besoffen und habe mich nicht mal in der Herberge eingecheckt: nur ein Bett reserviert und den Keycode für die Eingangstür telefonisch erhalten.
[8.9.2014] Santiago
Um 10 Uhr morgens werde ich von der Herbergsverwalterin geweckt, die beginnt, das Zimmer aufzuräumen. Wie immer, wenn ich Abends in Santiago ausgehe, ist es am Vortag wieder spät geworden. Es dauert eine Weile, bis ich wieder zu Sinnen gekommen bin und hole nach, was ich am Vortag verpasst habe: hier einzuchecken.

Abends gehe ich zum gratis-Pilgermenu, danach treffe ich die deutschen Pilger wieder, von denen auch Weitere eingetroffen sind, bis auf zwei Pilgerinnen von Bodensee, die in dem Augenblick wahrscheinlich schon auf dem Weg nach Finisterre sind.
Während wir an einer Bar feiern, begeben sich zwei zur Pilgerherberge nebenan, um einzuchecken. Dies dauert unerwartet lange und wir fragen uns, wo die Beiden abgeblieben sind. Plötzlich tauchen zwei Streifenwagen auf. Wir beobachten vier Polizisten, die vor der Herberge Wache halten - nach einer Weile verlassen zwei weitere Beamten die Herberge in Begleitung von zwei Leuten.. das sind zwei von uns!
Der Pilger in meinem Alter bekommt einen Schreck und sagt, er müsse das jetzt regeln, denn die Beiden können kaum Spanisch. Von der Bar beobachten wir, wie er längere Zeit mit den Beamten verhandelt, bis die Polizisten irgendwann nicken und unsere Mitpilger freigeben.
Ich erfahre auch, was der Grund des Polizeiaufgebots war: die Beiden wären zum Rauchen - die Herbergsfassade ist gerade in Renovierung - von einem Fenster im vierten Stock über das Gerüst auf das Dach geklettert. In der Zwischenzeit, während sie dort saßen, hätte irgendjemand das Fenster geschlossen. Der Rückweg wäre versperrt gewesen und daher wären sie das Gerüst über die vier Stockwerke herabgeklettert - währenddessen hätte jemand die Polizei alarmiert.
[9.9.2014] Abreise aus Santiago
Vor der Abreise erfahre ich, es soll eine zweite Compostela geben. Eine, die es nur jede 100 Jahre gibt. So wird mir erzählt. Seltener also als die Wiederkehr des Halleyschen Kometen: die Compostela des Franz von Assisi, dessen Pilgerreise nach Santiago sich zum 800sten Mal jährt.
Bald habe ich auch diese Urkunde, begegne noch den zwei aus Leipzig, dem gitarrespielenden Engländer, sowie den drei älteren deutschen Pilgerinnen von Baamonde, sitze etwas später im Flugzeug und denke: eigentlich waren die fünf Wochen auf dem Pilgerweg viel zu kurz..