Camino de San Salvador
Von León bis Oviedo zur Sonnenfinsternis am 12.8.2026
[06.08.2026] Anfahrt nach León
Für die Fahrt zum Camino San Salvador entscheide ich mich für einen Klassiker, den Fernbus. Um 4.15 geht es in Karlsruhe los. Der Bus eines polnischen Unternehmens, das für Flixbus fährt, ist von Anfang an nicht allzu vertrauenserweckend. Der Motor des Fahrzeugs scheint nicht ganz rund zu laufen, abwechselnd laut-leise-laut-leise, als würde die Kurbelwelle eiern.
Bei der Fahrt durch das Elsass sieht man die Vogesen in der Ferne. Erst erkenne ich die Koenigsburg nördlich von Colmar wieder, danach die Burgruinen „Les Trois Châteaux“ in der Nähe von Eguisheim.
Der doppelstöckige Bus scheint zu hoch für die französischen Ortschaften zu sein. Bei der Fahrt auf den Alleen der Innenstädte schlagen immer wieder Äste von Bäumen auf das Dach.
Bei der Fahrt durch Besançon passiert das Unglück: Ein lauter Knall und plötzlich befindet sich in der hinteren linken Fensterscheibe ein Loch. Panikartig verlassen Mitfahrer am Fenster ihren Platz vor Angst, von Scherben getroffen zu werden. Derweil fährt der Bus weiter. Immer wieder lösen sich Fragmente aus der Scheibe, hier und da landen Scherben auf den Straßen von Besançon.
Etwas außerhalb der Stadt fährt der Bus auf einen Rastplatz und stoppt. Passagiere hatten den Fahrer zuvor auf das Problem hingewiesen und nun sehe ich, wie dieser mit einem Stab gegen das Fenster schlägt, um die Reste des geborstenen Fensters zu entfernen. Die Passagiere sind erleichtert, dass keine Teile der Scheibe in den Bus fallen. Offensichtlich hat so ein Bus doppelte Fenster. Und das innere von beiden ist unbeschädigt.
Danach geht es weiter, vermutlich bleiben die Scherben auf dem Rastplatz liegen.
Bein Umstieg in Lyon habe ich richtig Pech. Ich bekomme zwar einen Fensterplatz, aber neben mir nimmt ein übergewichtiger Riese Platz. Wahrscheinlich kann er nichts dafür, dass er breitbeinig dasitzen muss und mitsamt seiner Ellenbogen auch einen Teil meines Platzes einnimmt. Er nervt. 14 Stunden lang bis zum Umstieg um 7 Uhr morgens in der Área Suco, einem Busbahnhof im spanischen Nirgendwo, bei dem es ein Gratis-Frühstück gibt. Der nächste Bus bringt mich zum Ziel. Um 9:25 komme ich in León an.
[07.08.2026] Von León bis La Robla
Ein kurzer Rundgang durch León und Pilgerpass beim Tourismusbüro besorgen. Nach dem obligatorischen Foto von der Kathedrale geht es los. Wie so oft in der Umgebung von Großstädten bietet der Beginn des Caminos auch heute wenig Interessantes.
Der Camino San Salvador beginnt in León und endet in Oviedo. Während die üblichen Jakobswege einen nach Santiago leiten, führt dieser Weg in Richtung Norden. Es ist ein Camino der „Santuarios“, dort befinden sich einige heilige Pilgerstätten.
Ursprünglich war meine Idee, nur die 18 Kilometer bis zur nächsten Herberge in Cabanillas zu wandern. Da es ein kleines Dorf ohne ein Restaurant und Einkaufsmöglichkeiten ist, wandere ich lieber 5 Kilometer bis zur Stadt La Robla weiter. Theoretisch gilt in der Pilgerherberge freie Bettenwahl. Doch nur noch ein einziges ist noch nicht belegt, erfahre ich. Das letzte verfügbare im oberen Teil eines Stockbetts ist nicht gerade die beste Wahl nach einem langen Marsch. Der Auf- und Abstieg über die Metallleiter ist nicht angenehm, da sich Schmerzen in meinem rechten Fuß bemerkbar machen.
In La Robla bin ich erstaunt, ein verfallenes Haus wiederzuentdecken, das mir letztes Jahr während einer Busfahrt bereits aufgefallen war. Ein „Lost Place“ in einem leicht verfallenen Zustand, der nach einer Besichtigung ruft. Die Tür steht offen. Da sich im Garten nebenan gerade Personen aufhalten und ich entdeckt werden könnte, schleiche ich mich so leise wie möglich hinein, nehme ein paar Fotos auf und verlasse das Gebäude schnell wieder.
[08.08.2026] Von La Robla bis Poladura de la Tercia
Am Vormittag erreiche ich das „Santuario del Buen Suceso“. Es handelt sich vermutlich um ein Heiligtum, in dem Pilger sich den Segen für ihren Weg geben lassen können. Im Moment ist es leider geschlossen.
In „La Pola de Gordón“ lege ich eine Kaffeepause ein. Kurz nach dem Ende der Stadt leuchten meine Augen. Eine verlassene Halle! Zwar ist das Gelände rundum mit einem Metallgitter eingezäunt, doch das Eingangstor liegt umgekippt da, was eine Einladung für eine Besichtigung ist. In der Halle befindet sich Bauschutt. Zeichnungen an den Wänden weisen darauf hin, dass ich nicht der erste unangemeldete Besucher bin. Interessanterweise scheint das Dach der Halle in letzter Zeit erneuert worden zu sein. Trotz einiger Schäden, die hier und dort zu sehen sind, wirkt das Gebäude nicht baufällig.
Zum Dorf Buiza geht es über Serpentinen aufwärts. Anschließend beginnt die Wildnis und der Camino führt immer weiter in die Höhe. Bald erwartet uns eine karge Heidelandschaft. Die Wanderung durch das Gebirge fern der Zivilisation ist ein Traum.
Bei der Ankunft in Poladura de la Tercia spricht mich sogleich ein älterer Mann an. Die Herberge wäre bereits vollständig belegt, erklärt er, während er mich hinein und in einen Raum in der ersten Etage führt. Er begibt sich sogleich zu einem Stapel Matratzen, und ich folge ihm, um eine davon herunterzuhieven. Das Ding ist tonnenschwer. Nur zu zweit gelingt es, sie in eine Ecke des Raums zu stellen. Der Senior händigt mir den üblichen Papierbezug für Pilgerbetten aus und geht von dannen. Die Matratze ist so hart, als wäre sie aus Holz. Sogleich nehme ich mir eine zweite, die leichter und weicher ist, um sie über die andere zu legen.
Im Raum befinden sich zwei Pilgerinnen, die sich bereits eingerichtet haben. „Du hast Glück“, spricht mich eine an. „Im Schlafsaal darüber mit 12 Schlafplätzen ist es deutlich ungemütlicher als hier unten.“ Das bestätigt sich, als ich den oberen Raum betrete, in dem 6 Stockbetten stehen und in dem man sich vor Pilgern kaum bewegen kann. Dort befindet sich die Dusche der Herberge und auch die Küche, aus der gerade ein ohrenbetäubendes Gequassel dringt.
Nachdem ich mich eingerichtet habe, freue ich mich auf das Abendessen. Doch in Poladura de la Tercia gibt es nur ein Restaurant namens „Restaurante El Embrujo“. Dieses befindet sich in der „Casa Rural El Embrujo“, einer Unterkunft für gehobene Ansprüche und einen dickeren Geldbeutel. Als ich die Rezensionen zum „Restaurante El Embrujo“ lese, erfahre ich, dass es für Pilger, die in der Herberge übernachten, Abendessen nur nach einer Anmeldung am Vortag gäbe. Wusste ich nicht. Hätte man aber wissen müssen. Einkaufen kann man in diesem Dorf auch nichts.
Mit den beiden Pilgerinnen aus dem Bettenlager begebe ich mich zum Restaurant. Für unangemeldete Personen gibt es zumindest Getränke. Die erste von meinen Begleiterinnen, eine Spanierin, setzt sich für mich ein und erzählt dem Koch, dass ich Hunger leiden würde. Spontan wendet er sich an mich. „Ist Reis okay?“, fragt er und ich nicke spontan. Wenige Minuten darauf serviert er mir eine große Portion Paella. Der Abend ist gerettet.
Die zweite der Pilgerinnen ist aus Polen. Ein Gespräch mit ihr führt zum Thema Schmerzen an den Gliedmaßen. Mein rechter Fuß quält mich enorm, seit ich am Morgen gestartet bin. Eigentlich hat sich das Problem schon kurz nach dem Start in León angekündigt. Wahrscheinlich war es ein Fehler, durchgelaufene Schuhe zu verwenden, die ich am Ende bedenkenlos wegwerfen kann, um am Ende nur noch das Ersatzpaar, die Sandalen zu haben. Sie hat das gleiche Problem, erklärt sie. Es wäre ein Muskel, der sich entzündet und Schmerzen am Fußballen verursacht. Es passt genau zu meinen Symptomen. Aber nach vielen Pilgertouren ohne Schmerzen bereits am ersten Tag mit so einem Problem konfrontiert zu werden, ist unschön.
[09.08.2026] Von Poladura de la Tercia nach Pajares
Die Polin hat Kraft. Mit Leichtigkeit wirft sie am Morgen ihre Matratze auf den Stapel. Als sie den Raum verlässt, probiere ich, die Matratze anzuheben. Diese wiegt ordentlich. Ich frage mich, wie die polnische Pilgerin es geschafft hat, das Ding anzuheben.
Die leichtere meiner beiden Matratzen lege ich obenauf. Doch die untere kann ich alleine nicht hochhieven und lehne sie an den Stapel.
Kurz nach Poladura de la Tercia folgt ein Aufstieg ins Gebirge. Dieser zieht sich endlos hin. Die Spanierin ist sportlich und geht meist voran, während die Polin sich hinter mir Höhenmeter um Höhenmeter heraufschleppt. Sie ist etwas übergewichtig.
Mittags ist der höchste Punkt der Etappe erreicht. Anschließend folgt ein steiler Abstieg, der in Arbás del Puerto endet. Dort befindet sich ein weiteres Heiligtum, das Santuario Santa María de Arbás. Eigentlich hatten wir verabredet, uns in diesem Ort auf einen einen Kaffee zu treffen. Doch Fehlanzeige. Ein gastronomisches Angebot ist in diesem Ort nicht vorhanden.
Beim Blick auf den Ort war mir schon aufgefallen, dass hier das eine oder andere Gebäude leersteht. „Lost Places“ erkennt man auf die Distanz an geborstenen Fensterscheiben. Hier gibt es mehrere solcher Gebäude. Genaugenommen scheint es in Arbás del Puerto nur ein einziges Haus zu geben, das bewohnt ist.
Die Eingangstür des verlassenen Gebäudes ist nicht versperrt. Dies gleicht einer Einladung für eine Besichtigung.
Im unteren Raum befinden sich die Überreste einer Bar, die verwahrlost wirkt. Von der Decke hängen Fetzen herab. Überall liegt Schutt. Eine Treppe führt ins obere Stockwerk. Dort fehlen Teile des Bodens, es geht nicht weiter. Ich habe genug gesehen und begebe mich zur Ausgangstür. Vorsichtig trete ich hinaus und werfe einen Blick zum einzigen bewohnten Haus gegenüber. Niemand befindet sich auf der Terrasse. Mein Besuch der Ruine wurde offensichtlich von niemandem bemerkt.
Entspannt begebe ich mich wieder auf den Camino. Doch ist es ein unschöner Abschnitt entlang der Schnellstraße.
In einiger Entfernung sehe ich die Spanierin vor mir wandern. Bald gibt es zwei Wegvarianten. Eine nach links, der Bundesstraße folgend und eine nach rechts, vorbei an einer Fabrik. Der Weg endet an einem Tor. Da überholt mich ein Pickup und der Durchgang wird geöffnet. Auf die Frage nach dem Camino lässt der Fahrer mich hindurch und erklärt, ich müsse geradeaus bis zum Strommast gehen und links abbiegen. Dort finde ich einen steileren Abstieg über eine Weide, auf der ich Kühen ausweichen muss, um danach die Schnellstraße zu überqueren.
Beim Blick zurück erkenne ich ein Schloss auf der Höhe, das ich verpasst habe. Das befindet sich bei der sogenannten „Puerto de Pajares“ - der Grenze zwischen Kastilien & León und Asturien. Dorthin hätte ich aber die andere Abzweigung nehmen müssen.
Bei der Ankunft in Pajares treffe ich einige Pilger und folge ihnen zu einer Bar. Es ist die einzige in der weiten Umgebung. Sichtbar haben sich die Leute aus allen umgebenden Ortschaften hier versammelt.
Für ein Abendessen hätte man am Vortag anrufen müssen, erfahre ich. Als sich die spanische Mitpilgerin dazu anmelden will, wird die Frau am Tresen zornig und erklärt, bei so einem Chaos könne sie das Essen nicht planen.
Dafür ist die Herberge Pajares schön eingerichtet und blitzblank. Nur im Gemeinschaftsraum ist es etwas laut, da spanische Pilger versuchen, sich in der Lautstärke gegenseitig zu übertönen.
[10.08.2026] Von Pajares nach Bendueños
Wie am Vortag starte ich die Wanderung zusammen mit der Spanierin und der Polin. Diese Etappe führt durch eine gebirgige Gegend. Nach einem Abstieg folgt wieder ein langer Aufstieg. Als ich an einem Haus fast vorbei bin, höre ich ein freundliches „Hola!“. Als ich den Mann zurückgrüße, fällt mir die Aufschrift auf seinem T-Shirt auf. „Berliner Mauer“ steht darauf, und abgebildet ist ein bekanntes Foto von einem DDR-Soldaten, der gerade über die Zonengrenze springt. Neugierig spreche ich den Mann an und erfahre, dass er in Berlin arbeitet und derzeit auf Heimatbesuch ist, um sich um seine Eltern zu kümmern und deren Haus zu renovieren. „Checkpoint Charlie“, erklärt er sein T-Shirt. Der Mann spricht sehr gut Deutsch. Das ist mal eine überraschende Begegnung im asturischen Hinterland.
In Chanos (LLanos heißt dieser Ort in der asturischen Regionalsprache) war geplant, eine Kaffeepause einzulegen. Laut Informationen aus dem Internet sollte es hier eine Gelegenheit dafür geben. Es gibt eine Herberge, dort fragt die spanische Pilgerin nach und anschließend einige Passanten. Die einhellige Antwort ist, dass man in diesem Ort keinen Kaffee bekommt. So legen wir eine Pause mit mitgebrachten Knabbereien ein, aber ohne Kaffee.
Außerhalb der Ortschaft kommen wir an eine Weggabelung. Wir haben die Wahl zwischen einer asphaltierten Straße rechts und einem Trampelpfad. Meine Mitpilgerinnen hatten in einem Kommentar gelesen, dass der linke Pfad nicht empfehlenswert wäre. Es wäre ein „Romper piernas“-Weg. In deutsch: hier könnte man sich die Beine brechen. Nach einer Diskussion entscheiden wir uns dennoch für diese Variante.
Nach einigen Kilometern durch den Wald entdecken wir plötzlich eine Steinwand in der Ferne, auf der sich Bergziegen tummeln. Eine Weile beobachten wir die gehörnten Tiere. Sie sind beeindruckend gute Kletterer.
Kurz darauf erreichen wir einen steilen Erdhang, den man auf allen Vieren hochkraxeln muss. Das Unschöne daran ist, dass sich unterhalb eine Abbruchkante befindet. Hier darf man nicht ausrutschen, sonst geht es in eine Tiefe, die nicht einsehbar ist. Tatsächlich ein „Romper piernas“-Weg.
Danach folgt ein Waldpfad, dem man zum Glück ohne größeres Risiko folgen kann. Der nächste Ort ist Herías. Dort legen wir eine Pause ein. Hier gibt es eine Abzweigung nach Bendueños, wo sich die nächste Pilgerherberge befindet. Die liegt jedoch etwas abseits des Camino.
Würden wir dem direkten Weg folgen, kämen wir zur Stadt Campomanes und könnten dort eines der Restaurants besuchen.
Während wir noch diskutieren, tauchen unvermittelt zwei Pilgerinnen auf. Eine Tochter mit ihrer Mutter, die aus Slowenien stammen. Es ist ein lustiges Paar, die beiden necken sich ununterbrochen gegenseitig. Ursprünglich wollten die beiden weiter bis Pola de Lena wandern - das wären weitere 8,5 Kilometer. Doch hatten sie sich unterwegs verlaufen, und die heutige Etappe mit dem ständigen Auf und Ab hatte es in sich. Schließlich entscheiden sich die beiden, sich unserer Gruppe anzuschließen.
Es folgt ein harter Aufstieg, danach geht es wieder steil beragab und wir erreichen Bendueños. Der Ort ist so klein, dass er nicht mal auf der spanischen Wikipedia-Seite erwähnt wird. Laut ChatGPT leben hier 20 Einwohner. Doch zur Herberge geht es noch einen Kilometer weiter.
Die Herberge ist großartig! Im oberen Stockwerk gibt es Betten für 8 Pilger. Zur Küche führt eine Wendeltreppe hinab und dort erwartet uns ein gemütlicher Gemeinschaftsraum. Auf dem Tresen der Kochecke erwartet uns schon ein dampfender Topf Suppe. Auf einem Serviertisch steht reichlich Obst. Auch Getreidekost ist für das morgige Frühstück da. Als ich den Kühlschrank öffne, leuchten meine Augen. Er ist randvoll mit Bier und anderen Getränken. Sogar Champagner steht bereit!
Und es wird noch besser. Vom Gemeinschaftsraum führt die untere Tür auf eine Terrasse, und die Aussicht von dort ist unbeschreiblich. Als würde man ins Paradies blicken. Unter uns breitet sich ein grünes Tal mit saftigen Wiesen aus. In der Ferne erheben sich die Bergriesen Asturiens.
Nach einer Dusche, die sich ebenso im unteren Stockwerk befindet, versammeln sich vier am Gemeinschaftstisch, um die Suppe zu schlemmen. Die Fünfte, die Slowenin ist Vegetarierin und kocht sich ihre eigene Suppe.
Abends bekommen wir Besuch von der Herbergsverwalterin und ihrem Begleiter. Das Gebäude gegenüber ist jetzt geöffnet, erfahren wir. Es ist das Santuario de la Virgen de Bendueños. Ich habe noch nie so ein prächtiges Kirchengebäude gesehen, das so abgelegen ist. Vorher konnte ich mich nur um den Prachtbau herumschleichen und durch die Fenster spähen, jetzt sehe ich es von innen. Es ist ein altertümliches Gotteshaus, gegründet im Jahr 905 und demnach entstand es in ganz alten Zeiten, als Asturien noch ein Königreich war. Es gibt noch einen hinteren Raum, das Allerheiligste. Hier sind rekonstruierte Wandzeichnungen zu sehen. Wahrscheinlich war von der ursprünglichen Farbe so gut wie nichts erhalten. Die Malereien wirken so, als wären sie der Fantasie eines Künstlers entsprungen, der sich irgendetwas einfallen lassen musste.
Zum Schluss gibt die Verwalterin uns noch einen Tipp. Öfters hätte es Beschwerden von Pilgern gegeben, die meinten, nachts hätte jemand deren Schuhe von der Ablage gestohlen, die sich vor der Herberge befindet. Daher sollten wir diese sicherheitshalber auf ein anderes Regal stellen, das etwas höher angebracht ist. Denn es würde hier streunende Hunde geben, erzählt sie, die sich gelegentlich bei den Schuhen bedienen, um damit zu spielen.
[11.08.2026] Von Bendueños nach Ujo
Morgens erreichen wir drei (die Polin, die Spanierin und ich) nach einem kurzen Marsch eine größere Stadt, Campomanes, um uns ein Frühstück zu gönnen. Kaffee, leckere Tortilla und dazu frisch gepressten Orangensaft. In Spanien muss man die Gelegenheit dafür einfach nutzen, da man bei uns für den gleichen Preis nicht mal einen Kaffee bekommt. Danach ist jeder aus unserer Pilgergruppe in unterschiedlicher Geschwindigkeit unterwegs - die Spanierin mit schnellem Schritt voraus, die Polin hinter mir.
Einen Kilometer später folgt ein kurzer Aufstieg, dann erhebt sich ein weiteres der Heiligtümer des Camino San Salvador vor mir. Die Eingangstür ist geöffnet. In den heiligen Hallen findet gerade ein Vortrag statt. Ich verstehe nur einen Teil davon und sehe mich erstmal im Gebäude um.
Drei Rundbögen führen zum Altar. Auf diesen sind Symbole eingraviert, die im Christentum vollkommen unbekannt sind. Vielleicht sind sie keltischen Ursprungs. Auch die Aufteilung des Gebäudes ist ungewöhnlich. Es gleicht eher einem Tempel. Tatsächlich ist dieses Gebäude, Santa Cristina de Lena, nicht nur eine präromanische Kirche. Ihre Ursprünge lassen sich der spanischen Wikipedia-Seite zufolge auf das 7. Jahrhundert datieren, das in die westgotische Zeit fällt. Damit wäre dieser bestens erhaltene Tempel etwas, das man in Spanien sehr, sehr selten findet.
Bei diesem Heiligtum treffe ich auch meine Pilgerkolleginnen wieder und zusammen wandern wir bis zur nächsten Ortschaft weiter.
Diesmal geht die Polin voraus. Kurz, bevor wir den nächsten Ort erreichen, sehe ich auf der anderen Seite des Flusses verfallene Gebäude. Meiner Handy-Navigation zufolge befindet sich gegenüber eine „Antigua Fábrica de harinas“. Eine Mehlfabrik, die 1901 erbaut wurde und - so erfahre ich - die ein Lost Place war. Den Kommentaren von Google Maps zufolge wäre sie beim Neubau einer Schnellstraße vor wenigen Jahren komplett verschwunden. Man sieht aber noch etwas. Ich muss die Wahrheit herausfinden. Kurz darauf bin ich am Ziel. Tatsächlich befindet sich im Ort noch eine Ruine der mutmaßlichen Mehlfabrik.
Hier muss man vorsichtig sein. Eine von Kraut bewachsene Steintreppe kann man hinaufsteigen und ein paar Schritte hineinwagen, doch sicheren Fußes lässt sich der Rest des Gebäudes nicht erkunden. Hier ist so gut wie alles verfallen und es fehlen Teile des Bodens. So mache ich kehrt und begebe mich zurück auf den Camino.
In der Ortsmitte sehe ich andere Markierungen. Ein gelbes Kreuz auf blauem Hintergrund mit den Symbolen Α und Ω. Wie das Wappen Asturiens. Wird schon stimmen, denke ich, und folge den Markierungen eine Weile. Doch die Richtung kann nur falsch sein. Ich frage einen Passanten, der mir erklärt, der Camino San Salvador wäre dies nicht und ich müsse umkehren. In diesem Ort fehlen die gelben Pfeile, doch an ihrem Ende finde ich diese wieder.
Die nächste Stadt ist Pola de Lena. Hier werde ich in die Irre geführt und mein Weg endet am Bahnhof. Unvermittelt treffe ich die Pilgerinnen aus Slowenien wieder. Sie haben sich gerade ein Zugticket nach Oviedo gebucht. Ein kurzer Abschied, dann suche ich wieder nach dem Weg. Ich installiere mir eine App namens „Buen Camino“ und die hilft mir weiter, da der Weg durch den Ort wirklich schlecht markiert ist.
Lange Zeit ist es ein sehr trister Weg, der geradeaus eine stillgelegte Asphaltrasse neben der Schnellstraße entlang führt. Nach langer Zeit eine Unterführung, danach geht es durch eine verwilderte Landschaft, die teils von Brombeeren überwuchert ist.
Endlich ist der miserabelste Abschnitt des Caminos zu Ende und ich komme in Ujo an. In einem Supermarkt besorge ich mir Empanadas und eine Dose Bier und lege eine Vesperpause am Ende der Stadt ein. Da geht auf meinem Handy eine Nachricht der Spanierin ein. In Mieres, dem Ziel der heutigen Etappe wäre die Unterkunft Residencia Universitaria nur noch eine halbe Stunde geöffnet, erfahre ich aus ihrer Mitteilung. Ob ich das schaffen würde? Definitiv nicht, denn bis dorthin wären es noch 6,5 Kilometer. Nach einigem hin- und herschreiben stellt sich heraus, dass es mit der Unterkunft heute ein ernsthaftes Problem gäbe. Die spanische Pilgerin hatte in der Zwischenzeit schon versucht, Alternativen auszukundschaften, war aber erfolglos. Auf meinen Vorschlag, hier in Ujo eines der verlassenen Gebäude zu nutzen, geht sie nicht ein. Eine Übernachtung in einem Lost Place kommt offenbar nicht infrage. „Wir sollten uns treffen“, schlägt sie vor und schickt ihre Position über Google-Maps. Ganz in der Nähe, stelle ich fest. Ich verlasse meinen Platz im Park, gehe ein paar Meter und da sehe ich sie. Die Spanierin mit der Polin.
„Ich habe eine schräge Idee“, verkündet sie plötzlich freudestrahlend. Nach einem kurzen Telefonat erklärt sie ihren Plan und fordert uns auf, uns zu beeilen. Wir laufen zum Bahnhof und erreichen gerade noch die nächste Bahn, die zurück nach Pola de Lena fährt.
Hier gibt es eine Pilgerherberge, und es gibt noch Übernachtungsplätze. Den Abend lassen wir zu dritt in einer Cidreria ausklingen. So etwas gibt es nur in Asturien. 2,50 Euro kostet eine Flasche Cidra. Es ist ein Apfelwein ohne Kohlensäure und schmeckt eher scheußlich. Dafür ist es billig und das Einschenken ist ein besonderes Ritual. Wenn man die Hälfte des Cidra vorbeigeschüttet hat, ist das Glas richtig eingeschenkt.
[12.08.2026] Von Ujo nach Oviedo
Am folgenden Tag brechen die anderen zwei Pilgerinnen bereits in der Dunkelheit auf. Sie wollen ein Frühstück einnehmen und wie geplant zurück nach Ujo fahren, wo wir gestern unsere Wanderung unterbrochen haben. Ich lasse mir etwas mehr Zeit, verzichte aber auf das Frühstück und begebe mich zur Bahn. Während der Fahrt überlege ich mir, wie es wäre, einen vermutlich unschönen Abschnitt des Weges auszulassen. Weiter nach Mieres fahren? So kühn bin ich dann doch nicht und steige in Ujo aus, um den Camino hier fortzusetzen.
Am Vortag hatten wir gesehen, dass ein kleines Mädchen eine Abkürzung über die Gleise genommen hatte, obwohl dies laut Beschilderung strengstens verboten war. Wenn sich so ein Mädchen das traut, dann kann ich das auch und - denke ich - spare mir einen langen Umweg.
Bald bin ich wieder dort, wo ich am Tag zuvor den Camino beendet hatte und folge den Markierungen. Der Weg führt geradeaus, einfach nur geradeaus auf einem asphaltierten Nebenweg. In Mieres gönne ich mir ein Frühstück mit Tortilla und Kaffee. Am Ortsende geht es an einem verlassenen Gebäude vorbei, das mich neugierig macht. Wäre das eine weitere Gelegenheit für eine „Lost Place“ -Besichtigung? Die Umzäunung ist ein Hindernis, das ich überwinden könnte. Doch gerade sind viele Leute unterwegs und die Aktion würde auffallen. Daher lasse ich es sein und setze meinen Weg fort.
Es folgt ein Aufstieg über die Serpentinen einer wenig befahrenen Landstraße. Ein Dorf, danach einen Kilometer durch ein Gebiet ohne Häuser, wieder eine kleine Siedlung und erneut durch unbewohntes Gebiet. Die Straße schraubt sich immer höher. Hier will man nicht wohnen, denke ich, während ich durch den nächsten Ort wandere. In diesem gibt es sogar eine Kapelle, an der man bewusst vorbei geführt wird. Endlich geht es wieder abwärts. Nach einem längeren Abstieg erreiche ich die Stadt Olloniego. Während ich die Hauptstraße entlang wandere und Autos und Motorräder an mir vorüberbrettern, erreicht mich eine Nachricht. Die Spanierin hatte mir die Adresse einer Herberge geschickt. In Olloniego gäbe es eine Möglichkeit zum Übernachten. Tatsächlich treffe ich sie in einer Bar um die Ecke. Kurz überlege ich. Soll ich hier bleiben? In einer Stadt, die nicht zum Verweilen einlädt? Ein Durchfahrtsort, in dem stetiger Motorenlärm herrscht und bei dem der Fußgängerweg vibriert, als befände man sich in einem Erdbebengebiet? Spontan erkläre ich der Spanierin, dass ich lieber weiter nach Oviedo wandere.
Heute ist der große Tag! Ich bin extra nach Nordspanien gereist, um das Spektakel zu erleben. Abends um 18:28 wird die Sonnenfinsternis stattfinden. Oviedo liegt im Kernschatten. Die Stadt ist der ideale Ort, um das seltene Ereignis zu verfolgen. Doch vor mir liegt ein langer Aufstieg und dann geht es ins Tal. Ich hatte mich beeilt, um früh in der Herberge anzukommen, da ich erwartet hatte, dass sich die ganze Welt hier versammelt. Wie leicht könnte man schummeln und sich einen frischen Pilgerpass besorgen, um hier zu übernachten. Manch ein Spanier könnte das tun. Doch als ich ankomme, sehe ich nur ein Dutzend Pilger, die vor einer Herberge warten. Sie bietet Platz für 50 Pilger.
Als die Herberge um 16 Uhr öffnet, bildet sich eine lange Schlange. Alle wollen beim Pilgerbüro einchecken. Aus welchen Gründen auch immer geht es nicht vorwärts. Eine Stunde später warten immer noch die gleichen Leute darauf, dass der Verwalter sich um sie kümmert. Endlich, nach eineinhalb Stunden, wird mir mein Schlafplatz zugewiesen. Hastig belege ich mein Bett, nehme eine Dusche und sehe, dass ich noch eine Stunde Zeit habe. So wandere ich in Oviedo umher.
Irgendwie hatte ich mich in der Zeit geirrt und irreführenden Informationen vertraut. Tatsächlich wird die Sonnenfinsternis erst um 20:28 stattfinden. Ich blicke zum Himmel. Regenwolken ziehen auf. Ein leichter Nieselregen geht nieder.
Nach einem Rundgang durch die Stadt und einem Foto meiner Begleiter vor der Kathedrale von Oviedo kehren wir zurück zur Herberge.
Nur wenige Minuten, dann kommt der entscheidende Moment. Mittlerweile ist der Himmel komplett von Wolken verhüllt. Langsam wird es dunkler. Eine halbe Minute bleibt es finster, danach wird es wie im Zeitraffer wieder heller. Dann ist alles vorbei. Das war die Sonnenfinsternis. Hinter dichten Regenwolken verborgen ist der Mond vor der Sonne vorbeigezogen. Etwas enttäuscht begeben wir uns zu Bett. Dennoch hat sich der Camino gelohnt. Die Begegnungen mit anderen Pilgern war wieder etwas Besonderes.
[13.08.2026] Abreise von Oviedo
Die Nacht verbringe ich auf dem oberen Teil des Stockbettes. Plötzlich spüre ich einen Hieb in die Seite, schrecke hoch und sehe den Pilgerstab von dem Mann auf dem gegenüberliegenden Bett. Unverschämt, mich mitten in der Nacht zu wecken!
Morgens erklärt er mir, ich hätte laut geschnarcht. Trotzdem, so etwas macht man nicht. Aber ich vergebe ihm, vielleicht hatte ich wirklich geschnarcht. Es ist ein Pilger aus Holland, der wie ich heute von Oviedo abreist. Als ich ihm erzähle, dass ich vor der Abreise ein paar Comic-Hefte besorgen wollte - Tim und Struppi oder Asterix in Spanisch, um die Sprache auf kurzweilige Art zu üben -, ist er von der Idee begeistert. So ziehen wir zusammen in der Stadt umher, um nach einem kurzen Frühstück einen Buchladen zu suchen. Fast alle Bände von Asterix und Tintin, wie er hier heißt, sind im Angebot. Plötzlich entdecke ich etwas besonders Interessantes. Rätselbücher. Eine Kombination von Sudoku-Rätseln mit Krimis. Murdoku nennt sich das. Vor der Tour hatte ich diese bei Amazon auf der Bestseller-Liste auf Platz 1 gesehen. Oft war ich ernüchtert, was man auf der Liste der Bestseller entdecken konnte. Aber diese Rätsel-Idee hatte mich positiv überrascht.
Um die Bücher nicht herumschleppen zu müssen, lasse ich sie erstmal hier, um später zurückzukehren.
Ein seltenes Foto mit mir. Die Städtenamen in Großbuchstaben sind derzeit sehr populär. Man findet sie mittlerweile fast überall.
Rund um die Kathedrale von Oviedo sind einige Statuen aufgestellt. Die Könige Asturiens werden als heldenhafte Ritter dargestellt. Teils erinnern sie an Figuren, die man aus Asterix-Comics kennt. Vielleicht ist es die typische Tracht der Kelten oder Ostgoten. Der größte Held ist natürlich Pelagius, der erste König Asturiens und ein Widerständler, mit dem die christliche Rückeroberung Spaniens, die Reconquista begann.
Bei der Gelegenheit erzählt mir der holländische Pilger, er würde selbst Comics zeichnen. Er zeigt mir ein paar Bilder auf seinem Smartphone. Vom Stil her sind die Zeichnungen im modernen Stil. Es ist der Anfang eines Comicbuches, an dem er bis zur Fertigstellung noch einige Jahre arbeiten würde.
Die spanische Pilgerin meldet sich mit einer Nachricht auf meinem Handy. Sie würde demnächst in Oviedo ankommen. Wenig später treffen wir uns. Sogar die Polin erscheint kurz, muss sich aber gleich wieder verabschieden, da sie eine Busfahrt gebucht hatte.
Ich kehre zurück in die Buchhandlung, besorge mir die Comics und das Rätselbuch. Es passt nicht alles in meinen Rucksack, daher muss ich mein Handtuch und ein paar Kleidungsstücke opfern.
Für die Fahrt zurück hatte ich den Fernbus gebucht. Am Abend geht es los. Nachts Umstieg in Bilbao, am Mittag haben wir 3 Stunden Aufenthalt in Paris, bevor der nächste Bus nach Süden fährt.
In Straßburg haben wir zwei Stunden Aufenthalt und Zeit, um etwas durch die Altstadt zu wandern. Meine Begleiter bestehen auf einem Foto vor dem Münster.
Bald kehren wir zurück zum Busparkplatz und es geht los, zurück in die Heimat. Der Bus fährt los, doch nach wenigen Metern sehe ich Blaulicht und wir halten. „Polizeikontrolle“, folgt eine Durchsage. Flixbusse werden offensichtlich gerne kontrolliert. Meinen Personalausweis vorzeigen, keine Beanstandung, alles okay. Bei dem Passagier vor mir dauert es etwas länger. Er stammt aus der Türkei und meint, er hätte ein Visum, findet es aber nicht. Ein Foto hätte er aber davon, das er der Polizistin zeigt. Nach längerem Zögern gibt sie nach und wendet sich an den nächsten Passagier. Ein Syrer mit einem griechischen Flüchtlingsausweis. Auf die Frage, wo er denn wohnen würde, wenn er nach Deutschland einreisen würde, zückt er sein Handy und meint, er müsse nachfragen. Ganz offensichtlich tut er so, als würde er jemanden anrufen, aber nicht erreichen. Eine halbe Stunde vergeht. Der zweite Polizist kommt hinzu und wenig später höre ich, sie müssten in der Zentrale nachfragen, um das zu klären. Plötzlich telefoniert der Syrer hektisch. Eine Minute darauf verlässt er den Bus und redet mit den Polizisten.
Die Kontrolle zieht sich endlos hin. Ich beobachte, wie ein Fahrtgast nach vorne zum Busfahrer geht und mit einer Dose Bier zurückkehrt. Es ist kurz vor Mitternacht. Jetzt hätte ich auch Durst und begebe mich nach vorne. Tatsächlich kann man bei dem Fahrer Bier kaufen. 2 Euro für das Getränk, so lässt sich die Wartezeit gut aushalten. Wenig später fährt der Bus los. Den Syrer nehmen die Polizisten zur Klärung des Aufenthaltsstatus mit.
Kurz nach Mitternacht bin ich wieder daheim.
